Das Erickson-Projekt, Teil 1

Share

Dieses Grundstück in der ländlichen US-Gemeinde Crittenden soll wiederholt von Bigfoots aufgesucht worden sein. Die US-Biologin Leila Hadj-Chikh soll dort Vollzeit und über mehrere Jahre geforscht haben. Doch ihre Arbeit ist umstritten, denn sie geschah im Rahmen des Erickson-Projekts, das fragwürdige Videos und DNA-Ergebnisse publiziert hat. Eine Geschichte und erste Bilanz des Projekts in zwei Teilen.

Mittlerweile untersuchen einige Biologen und Anthropologen das Bigfoot-Phänomen, doch ihre Forschung geschieht abseits der Universität – oftmals sogar im Geheimen. Vollzeit und über Jahre hinweg hat sich meines Wissens nur eine Forscherin mit dem Bigfoot beschäftigt: Die Biologin und Princeton-Absolventin Leila Hadj-Chikh. Sie hat fünf Jahre lang intensiv im US-Bundesstaat Kentucky und andernorts in Nordamerika im Feld geforscht. Jahrelang hat sich die promovierte Evolutionsbiologin mit einem Thema beschäftigt, das bei den meisten ihrer Kollegen für Lacher und Kopfschütteln sorgt.

Die US-Amerikanerin arbeitete von 2005 bis 2010 am berühmt-berüchtigten Erickson-Projekt. Dabei handelt es sich um eine gross angelegte Feld- und Laborstudie, die Standorte in mehreren US-Bundesstaaten und kanadischen Provinzen umfasste, mehrere hunderttausend Dollar kostete und im Jahr 2013 in der Veröffentlichung der umstrittenen DNA-Studie von Melba Ketchum gipfelte.

Ins Leben gerufen wurde das Projekt vom kanadischen Unternehmer und Sasquatch-Fan Adrian Erickson. Leila Hadj-Chikh und ein Amateurforscher aus Colorado sollen im Rahmen des fünfjährigen Unterfangens so viele Beweise für den Bigfoot gesammelt haben wie niemand anderes zuvor.

Die Geschichte des Erickson-Projekts ist eine Geschichte, die von Bemühungen um Wissenschaftlichkeit in der Bigfoot-Forschung handelt, aber auch Fälschungen und Konflikten. Es ist eine Geschichte von grossen Hoffnungen und ebenso grossen Enttäuschungen.

«Unglaublich, dass das Thema ignoriert wird!»

Leila Hadj-Chikh ist eigentlich genau das, was die Bigfoot-Forschung braucht: Eine aufstrebende, seriöse Forscherin, unvoreingenommen gegenüber dem Thema und unbeeinflusst von den Streitereien und Kontroversen, welche das grenzwissenschaftliche Feld seit seinen Anfängen in den 1950er-Jahren plagen.

Hadj-Chikh promovierte 2003 an der Princeton University in Ökologie und Evolutionsbiologie. Nachdem sie die Feldforschung für ihre Dissertation abschloss, zog sie nach Kalifornien, um an einem Waldschutzprojekt der Wildlife Conservation Society zu arbeiten.

Ihr Interesse für Bigfoot wurde offenbar 2005 geweckt, als sie die Bigfoot Field Researchers Organization (BFRO) auf einer Expedition in die kalifornischen Redwood-Wälder begleitete. «Es erscheint mir unglaublich, dass das Thema von so vielen Wissenschaftlern ignoriert wird», schrieb sie danach dem Leiter der BFRO, Matt Moneymaker (Link).

Sie wollte sich in der Bigfoot-Forschung engagieren und nur wenige Wochen später bot sich die Gelegenheit dazu: Hadj-Chikh erhielt einen Anruf von Adrian Erickson und machte sich im November auf in ein kleines Dorf im US-Bundesstaat Kentucky.

Besser als der Patterson-Film?

David Donlon, ein Hobbyforscher und Blogger, kennt die Ursprünge des Erickson-Projekts. Der Mann aus Virginia, der jahrelang für die BFRO Bigfoot-Sichtungen untersuchte und bis 2010 einen hervorragenden Blog zum Thema (The Blogsquatcher) unterhielt, war einer der ersten, der die Vorkommnisse in Kentucky untersuchte, bevor Adrian Erickson übernahm. «Ich könnte dir stundenlang darüber berichten», schrieb er mir 2010 in einer E-Mail.

Laut Donlon begann alles im Juni 2005 mit einem Hilferuf aus dem kleinen Städtchen Crittenden in Kentucky: «Auf meinem Grundstück treiben sich Bigfoots herum!» Eine Frau beklagte sich bei der BFRO, dass sich öfters affenartige Wesen in ihrem Garten und im kleinen Wäldchen dahinter herumtrieben.

BFRO-Kollege Gregg Clay reiste wenige Tage später ins 2000-Seelen-Dorf. Er bemerkte rasch, dass die Umgebung so gar nicht nach typischem Bigfoot-Territorium aussah: Weit und breit befand sich kein grosser Wald, geschweige denn Berge, stattdessen waren dort Häuser, Wiesen, Hügel und hie und da kleinere Wäldchen zu sehen. Kein Ort, so dachte Clay im ersten Moment, an dem ein Bigfoot, geschweige denn mehrere, lange unentdeckt und ungestört leben konnten.

Doch er änderte seine Meinung, als ihm die Frau und ihr Freund ein Video vorspielten. «Ich erinnere mich, wie begeistert mir Gregg davon berichtete«, erzählte mir Donlon. «Es sei besser als der Patterson-Film, die berühmte Aufnahme aus den 1960er-Jahren.»

Nun kam Donlon ins Spiel: Er sollte zusammen mit Stan Courtney, einem weiteren Mitglied der BFRO, nach Crittenden reisen, um das Video zu untersuchen und – wenn möglich – weiteres Beweismaterial sicherstellen.

Nachdem er angekommen war, wurde ihm das Video vorgeführt. Donlon hatte aber im Gegensatz zu Clay einen sehr zwiespältigen Eindruck davon: «Die Kreatur im Film sah seltsam aus: der übergrosse Kopf, die im Verhältnis kurzen Arme und das saubere, glänzende Fell. Ich bin ziemlich sicher, dass es ein Mensch in einem Kostüm zeigte und keinen Bigfoot.»

Dennoch denkt Donlon, dass nicht alle Indizien vor Ort, die auf eine Anwesenheit von Bigfoots hindeuteten, gefälscht waren. «Ich denke schon, dass dort Bigfoots waren.» Bedeutend war für ihn der Fund eines Fussabdrucks am Teich im Garten des Grundstücks. «Er war riesig und sah so aus wie ein Bigfoot-Abdruck. Was mich vor allem von dessen Echtheit überzeugte, waren die Hautrillen, die man eindeutig im Abdruck sehen konnte.» Daneben beeindruckte ihn das Verhalten der Hunde der Grundbesitzer: Er beobachtete, wie sie nachts jaulten und bellten, als hielte sich etwas Bedrohliches im nahen Waldstück auf. «Ich habe noch nie Hunde gesehen, sie so extrem reagierten. Irgendwas flösste ihnen eine Heidenangst ein.»

Erickson übernimmt

Trotz Donlons Verdacht auf einen Fälschung war für BFRO-Leiter Matt Moneymaker klar, dass weitere Nachforschungen berechtigt waren, ja dass sich eine einmalige Gelegenheit bot, das Bigfoot-Rätsel zu lösen. Offenbar, so glaubten die Forscher, waren diese Bigfoots an Menschen gewöhnt, was das Sichern von Beweisen erheblich erleichtern konnte.

Moneymaker reiste selbst nach Crittenden. Er installierte im Garten eine Videokamera mit Nachtsichtfunktion – und hatte prompt Erfolg: Ihm gelang, wie er behauptete, die Aufnahme eines Sasquatch, der sich einer Futterstelle nähert und frisst. Das Video war für kurze Zeit im Internet zu sehen, bevor es wegen Urheberrechtsansprüchen entfernt werden musste.

Moneymaker fehlte das Geld für längere Nachforschungen. Zum Glück zählte die BFRO seit Kurzem ein vermögendes Mitglied in ihren Reihen: Adrian Erickson, ein heute rund 60-jähriger Bauunternehmer, der auf einer entlegenen Farm im nördlichen Alberta aufgewachsen war und heute im Osten von British Columbia lebt.

Nach eigenen Angaben soll der Kanadier seit den 60er-Jahren mehrmals Bigfoots gesichtet haben, im Alter von sieben Jahren zum ersten Mal. 2005 soll er während einer Fahrt durch die Rocky Mountains einen Bigfoot beim Überqueren der Strasse beobachtet haben.

Erickson war der Meinung, dass zu wenig in die Bigfoot-Forschung investiert wurde. «Ich wollte das Rätsel ein für allemal lösen», sagte er 2013 an einer Pressekonferenz in Texas, an der Melba Ketchum ihre DNA-Studie vorstellte. «2005 hatten sich so viele Indizien angehäuft, dass ich mich entschied, mit allen Mitteln der Sache auf den Grund zu gehen.»

Der Kanadier soll mehrere hunderttausend Dollar in das Projekt gesteckt haben. Erickson erwarb nicht nur die Filmaufnahmen, sondern das gesamte Grundstück in Crittenden. Er beschaffte High-Tech-Ausrüstung wie Nachtsichtgeräte und selbstauslösende Kameras. Aus dem Anwesen wurde eine Forschungsstation.

Nun fehlten ihm noch die Forscher. Erickson engagierte zum einen Dennis Pfohl, der damals für die BFRO im Bundesstaat Colorado nach Bigfoot suchte. Zum anderen konnte er die Biologin Leila Hadj-Chikh gewinnen, welche sich einige Wochen zuvor über das Desinteresse der Wissenschaft gegenüber Bigfoot entrüstet hatte.

Auf der Lauer

Hadj-Chikh und Pfohl verbrachten von 2005 bis 2010 immer wieder mehrere Wochen am Stück in Crittenden und versuchten mit verschiedensten Methoden, an Beweismaterial zu gelangen. Sie legten sich in Tarnanzügen auf die Lauer, setzten Nachtsichtgeräte und Wärmebildkameras ein und installierten Kamerafallen sowie Futterstellen, welche so präpariert waren, dass die Tiere, die sie aufsuchten, Haare oder Blut hinterliessen.

Gemäss den Forschern trieb sich in der Umgebung des Grundstücks nicht nur ein Bigfoot, sondern eine kleine Gruppe herum: Darunter waren ein älteres Weibchen, das über 6 Fuss gross (rund zwei Meter), und ein jüngeres Weibchen, das rund 5 Fuss gross gewesen sein soll. Wie Erickson an der Pressekonferenz im Jahr 2013 erklärte, eruierten die Forscher regelmässig die Grösse des Jungtiers und fanden heraus, es jedes Jahr um rund 6 inches (rund 15 Zentimeter) wuchs.

Ausserdem war da noch ein männlicher Bigfoot, das von Zeit zu Zeit vorbeischaute und offenbar wenig begeistert war von der Anwesenheit der Forscher: Einmal im Winter soll der Bigfoot Leila Hadj-Chikh mit Schnee beworfen haben, ein anderes Mal fand die Biologin zwei grosse Dellen auf der Motorhaube ihres Fahrzeuges, so als habe Etwas mit mächtigen Fäusten draufgehauen.

Die Forscher konnten gemäss eigenen Angaben mehrmals die Kreaturen filmen. Sie fanden Fuss- und Handabdrücke und, was wohl am wichtigsten war, DNA-Spuren. Die Forscher glaubten, dass das Genmaterial den ultimativen Beweis für die Existenz von Bigfoot sein würde.

«BigiLeaks»

Über die Details des Erickson-Projekts ist bis heute nur wenig an die Öffentlichkeit gelangt. Das liegt vor allem daran, dass Adrian Erickson die Beteiligten mit Geheimhaltungsverträgen zum Schweigen verpflichtete. Das macht auch Sinn: Auf diese Weise wollte er verhindern, dass verfrüht Forschungsergebnisse bekannt wurden, oder dass andere Bigfoot-Forscher den Ort des Projekts aufsuchten und womöglich die Kreaturen vertrieben.

Komplett verhindern konnte er allerdings nicht, dass Infos hinaussickerten. Mehrere Personen, die mit dem Erickson-Projekt zu tun hatten, berichteten mir darüber. Einer ist der kanadische Biologe John Bindernagel. Ich besuchte ihn im Jahr 2010 auf Vancouver Island und befragte ihn auch zum Erickson-Projekt. Er sagte mir, dass er 2007 auf Einladung von Erickson in Crittenden gewesen sei und dabei einen Bigfoot beobachtet habe.

«Ich bin bloss ein weiterer Augenzeuge», sagte er mir. «Was ich sah, war in meinen Augen eindeutig ein Bigfoot. Es war ein grosses, muskulöses schwarzes Wesen. Es war teilweise vom Dickicht verdeckt, aber ich konnte es mehrere Sekunden lang beobachten.»

Eine andere Person, welche mir gegenüber Details preisgab, ist Mary Green, eine jüngst verstorbene Hobbyforscherin aus Tennessee. Sie behauptete, Erickson habe nebst Kentucky eine zweite Forschungsstation in Tennessee aufbauen wollen, und zwar auf der Farm von Janice Carter, einer eher umstrittenen Figur in der Bigfoot-Forschung. Carter behauptet, dass sich seit Jahrzehnten eine Bigfoot-Familie auf ihrem Grundstück herumtreibt. Beweise dafür hat sie nie präsentiert.

Green erklärte mir, Dennis Pfohl habe ihr auf seinem Laptop einige Videos aus Kentucky abgespielt. Sie beschrieb im Detail, was sie sah: Ein Film zeigte ein schlafendes Bigfoot-Weibchen in Kentucky. Sie beschrieb die menschenhaften Hände der Kreatur und wie muskulös deren Arme gewesen seien. Eine andere Filmaufnahme habe einen Bigfoot gezeigt, wie er durch den Wald schlich und sich langsam dem Filmenden näherte. Dabei sei insbesondere das Gesicht gut zu erkennen gewesen. Sie sagte, dass das Tier dem Wookie aus den Star-Wars-Filmen geähnelt habe.

Zum zweiten Teil

__________

Bilder und Videos zum Artikel

/ / / / / / / / / / / / / / / /

Chris Kummer is a journalist and historian based in Switzerland. He focuses mainly on scientific controversies and inquiries into so-called paranormal phenomena.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.