Der Geisterhund von Sigriswil

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Im Berner Oberland erzählt man sich die Legende von einem schwarzen Geisterhund. Das Phantom-Tier soll nachts bei einer Brücke in Sigriswil sein Unwesen treiben. Alles nur Schwindel? Wir sprachen mit Einwohnern und dem einzig verbliebenen Augenzeugen, um uns danach in einer dunklen Nacht auf die Lauer zu legen – ausgerüstet mit einer Spezialkamera für die Geisterjagd.

Es ist stockdunkel auf dem Weg nach Tschingel. Einzig die Scheinwerfer meines Autos erhellen die kurvige, schmale Strasse hinauf ins Dörfchen hoch oben über dem Thunersee. Verdorrte Herbstblätter wehen auf die Windschutzscheibe und kreieren groteske Schatten auf dem Asphalt. Links geht es steil bergab, schwach ist von dort unten das Rauschen von Wasser zu vernehmen. Rechts ist ein dicht bewaldeter Hang. Dann plötzlich, bei einer Linkskurve, erscheint sie vor uns: Die Tschingelbrücke.

«Etwas Übernatürliches»

Seit Jahren rankt sich eine Legende um diese Brücke, die sich oberhalb von Sigriswil im Berner Oberland befindet. Ein Mann namens Karl Rentsch erzählt, dass er dort in seiner Jugend vor rund 60 Jahren einem phantomhaften Vierbeiner begegnet sei.

Er befand sich auf dem Nachhauseweg vom Ausgang in Sigriswil, da sei auf der Brücke plötzlich ein «grosser, schwarzer Hund» an ihm vorbeigetrottet. Das Rätselhafte: Ein Freund, der ihn begleitete, sah das Tier nicht.

Auch der mittlerweile verstorbene, örtliche Postautochauffeur Peter Sieber will in dunklen Nächten dort einem Hund begegnet sein. Es müsse sich um etwas Übernatürliches handeln, wird er im Buch Orte des Grauens in der Schweiz zitiert. Auch andere Leute hätten ihn gesehen.

War es Einbildung, Spuk oder handelte sich viel eher um einen streunenden Köter auf der Suche nach einem mitternächtlichen Happen?

Wie man Geister fängt

Ich schalte die Scheinwerfer an meinem Wagen an, um die Brücke aus den 30er-Jahren zu erhellen. Dann steigen wir aus. Ich erblicke einen Robidog-Kasten gleich vor dem Übergang und muss grinsen. Dann greife ich zu meiner Vollspektrumkamera, setze sie auf ein Stativ und beginne, einige Fotos der Brücke zu schiessen.

Vollspektrumkameras sind unter Geisterjägern beliebt: Sie sind in der Lage, Teile des Lichtspektrums einzufangen, die fürs menschliche Auge nicht sichtbar sind. In diesen Infrarot- und Ultraviolettbereichen würden Geister erkennbar werden, haben Forscher des Paranormalen, darunter etwa John Keel, immer wieder behauptet.

Ich bitte meine Freundin, die mich begleitet, auf die Brücke zu gehen und sich etwas zu bewegen, damit ich die Kamera testen und zumindest etwas, wenn auch nur scheinbar, Geisterhaftes festhalten kann.

Meine Hoffnung, den Geisterhund – sollte es ihn denn wirklich geben – zu erwischen, sind klein. Schliesslich müsste er genau in dem Moment auf der Brücke stehen, wenn ich abdrücke.

Schauermärchen

Unsere Recherchen zum Fall Geisterhund beginnen Wochen zuvor. An einem schönen Spätsommerabend fahren wir hinauf nach Sigriswil. Im Restaurant Bären, gleich vis-à-vis der Kirche, essen wir zur Stärkung Apfelstrudel. Eine Gruppe Treichler – Männer in traditionellen, blauen Älplerhemden und mit bimmelnden Kuhglocken in den Armen – marschiert lärmend an uns vorbei. Ein Sigriswiler werde gefeiert, der vor ein paar Tagen ein wichtiges Schwingturnier gewonnen habe, sagt uns ein Lokalreporter.

Wir fahren hinauf zur Tschingelbrücke, passieren sie und halten beim nächstgelegenen Haus an. Es ist ein Bauernhaus, das nur einen Steinwurf von der Brücke entfernt ist. Wer, wenn nicht die Bewohner dieses Hauses könnten den Phantomhund gesehen haben?

Ich klingle, eine Frau öffnet, und nachdem ich ihr unser Anliegen offenbart habe, ruft sie in den Stall nach ihrem Mann. Kurze Zeit später erscheint er. Er hat ein freundliches Gesicht, wache Augen und einen Schnurrbart. Ich frage ihn nach dem Hund.

«Klar, davon gehört habe ich schon, aber gesehen habe ich ihn nicht.» Es sei halt eine Geschichte, wie es noch so viele hier gäbe, sagt er. Etwa von der Grabenhexe, die in der Schlucht herumgehen solle. Geschichten, die erzählt würden, um jemandem Angst zu machen oder jemanden daran zu hindern, ein bestimmtes Gebiet aufzusuchen. «Die haben sich wohl Gruselgeschichten erzählt und jeder wollte der Mutigste sein», sagt er und zwinkert.

Tödliche Unfälle

Die Sichtung eines grossen, schwarzen Hundes an einem unheimlichen Ort ist zumindest nicht ungewöhnlich. Weltweit werden solche Phantomwesen gesehen. Besonders in England kursieren immer wieder Berichte über Hell Hounds – Höllenhunde – die über dunkle Plätze wachen sollen. Plätze, an denen sich oftmals auch tragische Ereignisse abgespielt haben.

Auch im Fall von Tschingel besteht ein solcher Zusammenhang: Bei der Brücke soll sich mindestens ein tödlicher Unfall ereignet haben.

In den 50er-Jahren soll dort eine junge Frau mit ihrem Fahrrad hinuntergestürzt sein, ist in Orte des Grauens in der Schweiz zu lesen. Doch es gibt Sigriswiler, die den Unfall auf früher datieren und eine andere Handlung erzählen – was darauf hindeutet, dass es mehrere Unfälle bei der Tschingelbrücke gegeben haben könnte.

Verlorene Akten

Hans von Gunten etwa, ein Sigriswiler Dorforiginal, berichtete uns, dass er den Unfall selbst miterlebt habe. Doch gemäss seinen Angaben geschah er nicht in den 50er-Jahren, sondern früher, als er noch zur Schule ging. «Es war in den 30er- oder 40er-Jahren. Eine Gruppe von uns ging damals zur Brücke, die neu gebaut wurde, wir wollten uns das Ganze anschauen.» Dabei sei es zum tödlichen Unfall gekommen: Ein Mädchen sei ausgerutscht und in die Tiefe gestürzt.

Ob es einen oder mehrere Unfälle gegeben hat und wann die genau stattfanden, kann heute kaum mehr geklärt werden. Selbst die Polizei, obwohl sehr bemüht, konnte kein Licht ins Dunkel bringen. Der Polizeiposten in Sigrisiwil sei vor Jahren geschlossen worden und viele Akten verloren gegangen, hiess es von zuständiger Stelle.

«Vielleicht nur ein Jux»

Eher skeptisch gegenüber der Tschingelhund-Legende ist Pier Hänni. Der Buchautor, der in Sigriswil lebt, beschäftigt sich seit Jahren mit ungewöhnlichen Legenden und insbesondere Kraftorten, über die er schon viel geschrieben hat. Er habe zwar schon seltsame Dinge gesehen, auch in der Region um Sigriswil, betont Hänni, aber der Geisterhund von Tschingel sei ihm noch nicht begegnet.

«Es könnte sich natürlich um einen Jux handeln», erklärt er. «Solche Geschichten sind immer mit Vorsicht zu geniessen, vor allem, wenn sie in der modernen Zeit entstanden sind.» Er erachte auch den Ort als ungewöhnlich. Denn meistens würden solche Geisterhunde bei alten Wegen und Burgen gesichtet, nicht aber auf Hauptstrassen.

Stockdunkel

Wir beschliessen nach weiteren Fotos und Begehungen über und um die Brücke, zurück ins Auto zu gehen und uns bei einer Tasse Tee aus der Thermoskanne zu wärmen. Um die Autobatterie zu sparen, schalte ich den Scheinwerfer aus. Die Dunkelheit überfällt uns sogleich. Es gibt keine Strassenbeleuchtung. Der Mond scheint zwar, wird aber von den Bäumen verdeckt. Nur etwa jede halbe Stunde fährt ein Auto vorbei und erhellt für einige Sekunden die Brücke und die bewaldete Umgebung.

«Wie sollte Karl Rentsch bei solchen Verhältnissen einen Hund, noch dazu einen schwarzen, überhaupt erkannt haben?», gibt meine Freundin zu bedenken.

Wir sitzen eine Weile da, als wir plötzlich ein Geräusch hören und glauben, einen Schatten zu sehen. Ich drehe am Schlüssel und schalte auf Fernlicht. Kein Hund, sondern eine Katze ist zu sehen, wie sie gerade den Lichtkegel verlässt und unterhalb der Brücke ins Gebüsch huscht. Ich lasse das Licht noch für eine Weile leuchten. Dann, um rund 3 Uhr entscheiden wird, die nächtliche Aktion abzubrechen.

«Ich stehe dazu»

Die Geschichte vom Geisterhund von Tschingel beginnt bei Karl Rentsch und sie endet auch dort. Ich erreiche ihn schliesslich telefonisch.

«Ich habe mit der Geschichte abgeschlossen», sagt der mittlerweile 80-Jährige. «Ich hoffe Sie verstehen das.» Er habe immer wieder Spott geerntet und mittlerweile sei er es leid, darüber zu reden. «Doch ich stehe zu dem, was ich erzählt habe.»

Er habe aber nie behauptet, dass es ein Geisterhund war. «Es war einfach ein grosser Hund. Dem Sieber habe ich’s danach erzählt, und der sprach in der Folge von etwas Übernatürlichem.»

Damals, als es passierte, seien Geister- und Spukgeschichten gang und gäbe gewesen, fährt Rentsch fort. Viele hätten solche Geschichten erzählt. «Heute ist das nicht mehr so», sagt er, und es klang fast so, als würde er dies bedauern.

«Er hat’s nicht erfunden!»

Peter Sieber machte also den grossen Hund zu einem Geisterhund. Der Buschauffeur ist leider verstorben. Wie ernst er es meinte und was er selbst genau sah, ist unbekannt. Mehrere Sigriswiler erzählten uns aber, dass Sieber gerne Geschichten erzählt und eine scherzhafte Seite gehabt habe.

Vielleicht war es für ihn nicht mehr als das, eine Geschichte, die man hin und wieder erzählen konnte, um die Buspassagiere oder Kollegen bei der Arbeit zu unterhalten. Seine Schwiegertochter Monika Sieber widerspricht aber: «Er war zwar schon ein geselliger Mensch, aber ich kann mir trotzdem nicht vorstellen, dass er die Geschichte einfach erfunden hat.»

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Mitarbeit: Brie Rhys

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Bilder zum Artikel

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Chris Kummer is a journalist and historian based in Switzerland. He focuses mainly on scientific controversies and inquiries into so-called paranormal phenomena.

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