Kubricks geheime Botschaften

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Der im Jahr 1980 veröffentlichte Film The Shining von Stanley Kubrick ist weit mehr als ein guter Horrorfilm. In ihm platzierte der Regisseur aus den USA versteckte Botschaften über die Vernichtung der europäischen Juden während des Zweiten Weltkriegs und sein Engagement für die Weltraumbehörde NASA. Dies behauptet eine Reihe von Experten im Film Room 237.

«Einen Film von Stanley Kubrick zu schauen, ist wie hinauf zur Spitze eines Berges zu starren und sich darüber zu wundern, wie jemand so hoch hinaufsteigen konnte.» Dies sagte einst Hollywoodregisseur Martin Scorsese.

Es ist unbestritten, dass der 1999 verstorbene Kubrick einer der besten Filmemacher aller Zeiten war. Doch war er mehr als das? Laut einem US-Dokumentarfilm namens Room 237, der inzwischen als deutschsprachige DVD erhältlich ist, platzierte Kubrick versteckte Botschaften in seinen Filmen.

Die Kubrick-Experten im Film, darunter ein Journalist und ein Historiker, behaupten, The Shining rufe dem Zuschauer menschliche Gräueltaten wie den Holocaust wirksam ins Gedächtnis und gebe Kubricks grosses Geheimnis preis: Dass er für die NASA die Mondlandungen in einem Filmstudio inszeniert habe.

237 000 Meilen zum Mond

Der Film benennt sich nach dem Zimmer 237: Das Hotelzimmer in The Shining, das nicht betreten werden darf. Danny, der hellsichtige Sohn des Ehepaars Torrance, ahnt, dass dort etwas Schreckliches geschehen sein muss. Kubrick änderte die Nummer des Raums: In Stephen Kings Buchvorlage ist es 231.

Was steckt dahinter? Setzt man hinter 237 noch drei Nullen, erhält man die genaue Entfernung von der Erde zum Mond in Meilen. Das Zimmer, so der Interpretationsansatz, symbolisiere das Filmstudio, in dem Kubrick die Mondlandungen inszeniert habe.

Vor allem eine Szene wird von Verfechtern dieser These ins Feld geführt: Jene, in der Danny auf dem Teppich mit Spielzeugautos spielt und plötzlich ein Ball angerollt kommt. Das hexagonförmige Muster, auf dem Danny sitzt, erinnert an die Startrampe, von wo aus die Apollo-Raketen Richtung All starteten. Als Danny aufsteht, sieht man seinen Pullover, worauf eine Rakete mit der Bezeichnung Apollo 11 abgebildet ist.

«Zahlreiche Ungereimtheiten»

«Dies war Kubricks Art, es der Welt mitzuteilen», sagt der US-Filmemacher Jay Weidner in Room 237. Laut Weidner gibt es noch andere Indizien für Kubricks NASA-Engagement: «Schaut man die Fotos und Filmaufnahmen der NASA von den Apollomissionen an, finden sich zahlreiche Ungereimtheiten. Wenn man den Kontrast erhöht, kann man im Hintergrund den Ansatz einer Leinwand erkennen, auf welche die Mondlandschaft und der Himmel projiziert wurden. Es ist dieselbe Technik, welche Kubrick wenige Jahre zuvor für 2001: Odyssee im Weltraum entwickelt hatte.»

Handelt es sich bei den Hinweisen in The Shining bloss um eine Spielerei Kubricks, oder steckt doch mehr dahinter?

Die Nummer 42

Eine andere viel diskutierte Interpretation betrifft den Holocaust. Kubrick, der in einem jüdischen Haushalt in New York aufwuchs, versuchte sich lange Zeit an einem Film, der den Völkermord an den europäischen Juden während des Zweiten Weltkriegs thematisierte.

Je länger sich Kubrick jedoch mit dem Thema beschäftigte, umso deprimierter wurde er. So war es für ihn fast eine Erlösung, als der Regisseur Steven Spielberg seinen Holocaust-Film Schindlers Liste fertigstellte. Er entschied, das Projekt einzustampfen.

Laut dem US-Historiker Geoffrey Cocks soll Kubrick den Holocaust stattdessen subtil in den The Shining eingearbeitet haben: Da ist zum einen die Nummer 42, die immer wieder auftaucht: Auf Kleidungsstücken, Nummerschildern, in der Anzahl der Wagen auf dem Parkplatz des Hotels und natürlich auch in der ominösen Zimmernummer 237. 2 mal 3 mal 7 gibt 42.

Im Jahr 1942 beschlossen die Nazis die systematische Ermordung der Juden. Die Schreibmaschine im Film ist ein deutsches Modell namens Adler. Sie soll die kalte Bürokratie des Holocaust symbolisieren. Eine Sequenz im Film wurde so arrangiert, dass die Hotelgäste und ihre Koffer miteinander verschmelzen – ein Bild, dass die Enteignung und die Selektion der Juden in den Konzentrationslagern symbolisieren soll.

Der Fahrstuhl symbolisiere Verdrängung

Eine nicht weniger spannende These besagt, dass weniger der Völkermord an den Juden, als vielmehr der an den amerikanischen Ureinwohnern im Kopf von Kubrick herumspukte, als er den Film konzipierte. So erwähnt Hotelmanager Stuart Ullman in einer Szene, dass das Overlook-Hotel auf einer ehemaligen Indianerbegräbnisstätte gebaut worden sei. Die berühmte Szene, in der hektoliterweise Blut aus einem geschlossenen Fahrstuhl strömt, soll die Vernichtung der Indianer und die Verdrängung dieser Untat durch die amerikanische Gesellschaft symbolisieren.

The Shining würde die Schrecken von Völkermorden in gewisser Weise nahbar machen, sagt der US-Journalist Bill Blakemore in Room 237. Weil die Opferzahlen so unvorstellbar hoch seien, würden uns solche Ereignisse eher kalt lassen.

Der sowjetische Diktator Stalin, selbst ein Massenmörder, brachte es auf den Punkt: «Der Tod eines einzelnen ist eine Tragödie, der Tod von Millionen eine Statistik.» Kubrick habe mit diesem Horrorfilm eine Brücke zwischen der Statistik und unseren Emotionen gebaut.

Alles nur Blödsinn?

Haben Blakemore und die anderen mit ihren Interpretationen Recht? Oder sehen sie vielmehr selbst Geister? Ein früherer Assistent von Stanley Kubrick, Leon Vitali, sagte gegenüber der New York Times, dass viele Ideen in Room 237 einfach nur «Blödsinn» seien. Zum Beispiel sei die deutsche Schreibmaschine kein Symbol für den Holocaust. Sie sei einfach gewählt worden, weil es Kubricks eigene war und sie in dessen Augen gut in den Film passte.

«Ich bin mir sicher, dass Kubrick 70 bis 80 Prozent dieses Films nicht hätte sehen wollen, weil das meiste einfach nur Schwachsinn ist.»

Möbel verschwinden

Für einige ist The Shining ein Film mit tiefer Bedeutung, das Rätsel eines Genies, das es zu lösen gelte, für andere ist er einfach nur ein sehr effektiver Horrorfilm.

Auch hierfür gibt Room 237 Erklärungen. Nebst den langen Kamerafahrten mit Weitwinkeleinstellungen, welche die Umgebung bedrohlich gross erscheinen lassen, spiele das «lebendige» Inventar eine wichtige Rolle. So verschwinden oder verschieben sich Möbel zwischen den Schnitten, die Farbe der Schreibmaschine wechselt im Laufe des Films von Weiss zu Blau, und man sieht Fenster und Räume, die nach architektonischer Logik nicht dort sein können.

Weitere Analysen

Kubrick-Analyst Jay Weidner fand noch einen weiteren Grund: Botschaften, die einem nur unbewusst auffielen. Kubrick habe in der Zeit von The Shining viele Bücher über Werbetechniken und unterschwellige Botschaften gelesen. Unter anderem las er, wie Werber das Wort Sex subtil in eine grafische Anzeige einarbeiten, um so die Attraktivität des Produkts zu steigern.

«The Shining enthält Hunderte von unterschwelligen, vorwiegend sexuellen Botschaften. Sie erzählen eine extrem verstörende Geschichte über Dämonen, die süchtig nach Sex mit Menschen sind», sagt Weidner. Doch man müsse ein echter Fanatiker sein, um diese zu finden.

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Bilder zum Artikel

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Wer tiefer in die Analysen von The Shining eintauchen möchte, dem seien folgende englischsprachige Websites empfohlen: www.kdk12.tumblr.com und www.mstrmnd.com/log/802.

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Chris Kummer is a journalist and historian based in Switzerland. He focuses mainly on scientific controversies and inquiries into so-called paranormal phenomena.

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