Tarpleys «geheime» Geschichte von 9/11

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Nur ganz wenige Historiker erachten die alternativen Thesen zu 9/11 als plausibel. Einer von ihnen ist Webster Tarpley. Der Amerikaner (70) behauptet in seinem Buch Synthetic Terror, dass weder Al-Kaida noch Bush oder Cheney für die Anschläge vom 11. September verantwortlich seien. Stattdessen, so sagt er, stecke ein geheimes Netzwerk mit Verbindungen zur Regierung der USA hinter den Attacken.


Webster Tarpley sagt, wie es gewesen sein muss. Er ist einer der wenigen 9/11-skeptischen Historiker, der nicht nur Fragen stellt, sondern auch Antworten gibt. In 9/11 Synthetic Terror beschreibt er seine Sicht auf die Geschichte der Terroranschläge vom 11. September 2001: Wer genau dahintersteckt, wie die Anschläge verübt wurden und zu welchem Zweck.

Für Tarpley ist die Sprengthese erwiesen

Dementsprechend geht er in seinem Buch weniger auf die bekannten Argumente der 9/11-Truther ein und verweist insbesondere auf die Forschungen von Thierry Meyssan und David Ray Griffin. Für ihn ist klar, dass keine Boeing ins Pentagon flog und die Twin Towers mit Sprengstoff zum Einsturz gebracht wurden.

Allein dies ist problematisch. Für die These, dass die Zwillingstürme tatsächlich mittels Bomben zerstört wurden, gibt es bislang keine überzeugenden Indizien. Die allermeisten der Peer-Review-geprüften und in Fachmagazinen publizierten Studien zeigen, dass sehr wohl der Einschlag und die Brände zum Zusammensturz der Türme geführt haben können.

Für Tarpley ist klar, dass keine Boeing ins Pentagon flog und die Twin Towers mit Sprengstoff zum Einsturz gebracht wurden.

Dennoch möchte ich im folgenden Tarpleys Werk, das von vielen 9/11-Zweiflern als eines der wichtigsten angesehen wird und im deutschsprachigen Raum relativ unbekannt ist, im Detail vorstellen.

Es geht mir nicht darum, seine Behauptungen zu widerlegen. Ich möchte stattdessen aufzeigen, wie die alternative, «geheime» Geschichte von 9/11 geschrieben wird, wie Tarpley argumentiert und wie er seine Forschung mit politischem Engagement verbindet.

Denn letzteres eint die meisten der Truther-Akademiker, von Daniele Ganser über David Ray Griffin bis Webster Tarpley: Sie alle sind von ihren (teils extremen) politischen Ansichten geprägt und sehen die Aufklärung der Anschläge als Schlüssel zu einer friedlicheren Welt und als Mittel, um die Weltmacht USA in die Schranken zu weisen.

Er will etwas verändern

Webster Tarpley hat einen geschichtswissenschaftlichen Hintergrund, was unter 9/11-Truthern eher die Ausnahme ist.

Tarpley, 1946 geboren in Pittsfield, Massachussetts in den USA, erlangte seinen Doktortitel in früher moderner Geschichte an der Catholic University of America in Washington. Dabei untersuchte vor allem die Rolle von Venedig beim Ursprung des Dreissigjährigen Kriegs.

Man könnte denken, es wäre einfach, auf wissenschaftliche Artikel von Tarpley zu stossen. Doch meine ausführliche Recherche im Internet und in mehreren Datenbanken hat keinen einzigen zutage gefördert. Dies zeigt, dass seine Ansichten unter Historikern alles andere als mehrheitsfähig sind.

Tarpley war und ist politisch sehr aktiv. Im Jahr 1986 kandidierte er als Mitglied von Lyndon LaRouches linksradikalen US Labour Party als Abgeordneter für den New York State Assembly. Sein Name wurde jedoch per Gerichtsbeschluss wieder vom Wahlzettel entfernt, da seine Nominierung offenbar fehlerhaft war.

Die Bewegung war zumindest bis in die 90er-Jahre für ihre Behauptungen bekannt, die Welt werde von geheimen Zionisten- und Freimaurer-Vereinigungen regiert.

Man könnte denken, es wäre einfach, auf wissenschaftliche Artikel von Tarpley zu stossen. Doch meine ausführliche Recherche im Internet und in mehreren Datenbanken hat keinen einzigen zutage gefördert.

Tarpley beschreibt sich auf seiner Website tarpley.net als Historiker, der Strategien erarbeitet, die dazu dienen sollen, die «aktuellen Krisen auf der Welt zu überwinden». Dies allein demonstriert, wie sehr Tarpley bei seiner Forschung von höheren Motiven geleitet wird.

Es macht den Anschein, dass es Tarpley nicht in erster Linie um die Erkenntnis über Veränderungen geht (was Geschichtswissenschaft sein sollte), sondern darum, selbst Veränderungen zu bewirken.

Tarpley bezeichnet sich auch als Experte für internationalen Terrorismus.

1978 wurde er von der italienischen Regierung beauftragt, den Mord an Italiens Ministerpräsident Aldo Moro zu untersuchen. Er kam zum Schluss, dass nicht die Roten Brigaden für das tödliche Attentat von 1976 verantwortlich sind, sondern eine geheime Armee der NATO.

Für ihn war der Anschlag eine sogenannte False-Flag-Aktion, also ein Angriff «unter falscher Flagge», der dazu dienen soll, einen Gegner (in diesem Fall die Kommunisten) als Täter dastehen zu lassen, um sich so einen Vorteil zu verschaffen.

Auch 9/11 stellt für ihn eine False-Flag-Aktion dar.

Gegen Obama und die Bilderberger

Allgemein fällt Tarpleys Affinität zu Verschwörungstheorien und revisionistischer Geschichtsschreibung auf. Er sieht den Kennedy-Mord als Komplott von Elementen der US-Regierung und des Geheimdienstes, erachtet den Tonkin-Zwischenfall im Vorfeld des Vietnamkriegs als False-Flag-Aktion und bezeichnete US-Präsident Barack Obama als «Manchurian Candidate», als machtlose Puppe der Wall-Street-Financiers.

Tarpley glaubt an eine Art Schattenregierung, welche in den USA und zunehmend weltweit die Fäden in den Händen hält.

Bei solchen Ansichten verwundert es nicht, dass Webster Tarpley den radikalen Verschwörungstheoretikern sehr nahe steht.

So hat er sich mehrmals bewundernd über Alex Jones geäussert, den bekannten US-Conspiracy-Guru, der in seinen Infowars-Sendungen im Internet teils wirre Thesen aufstellt. Zudem hat Tarpley auch schon an Protestaktionen gegen die Treffen der Bilderberg-Gruppe teilgenommen.

Tarpley ist im Internet sehr aktiv. Er hat einen stark frequentierten Twitter-Account mit rund 20 000 Followern. Zudem unterhält er einen eigenen Radiokanal auf Youtube namens World Crisis Radio.

2012 lieferte sich Tarpley eine interessante Debatte mit dem Journalisten Jonathan Kay, der ein Buch über die Truther-Szene geschrieben hatte. Diskutiert wurde über die Ursachen von 9/11 und über Verschwörungsdenken allgemein. Wer Tarpley in action sehen und seine Hauptargumente hören möchte, dem sei dieses Video wärmstens empfohlen. Es kann oben in der Bildergalerie angeschaut werden.

«Das Ziel war es, eine Kriegshysterie auszulösen»

Tarpley sieht den 11. September als Folge einer Krise in den Vereinigten Staaten, welche sämtliche Bereiche der Gesellschaft betraf: Die Wirtschaft, die Politik und die Kultur. Er sieht den 11. September als Folge «eines desaströsen Jahrzehnts der Globalisierung».

Die Attacken seien nicht eine Folge der Stärke der USA in der Welt, sondern ein verzweifelter Versuch, die eigenen Schwächen zu kaschieren.

«Die Bevölkerung sollte gerüstet werden für den Kampf der Kulturen.»

Das Ziel der inszenierten Terrorattacke sei es gewesen, das politische System der USA und die Gesellschaft in ihren Grundfesten zu erschüttern und die Bevölkerung in eine Art Kriegshysterie zu versetzen, um sie für die Pläne der Neokonservativen empfänglich zu machen.

Die Bevölkerung sollte gemäss Tarpley gerüstet werden für den Kampf der Kulturen, den vom US-Politologen Samuel Huntington angekündigten Konflikt nach Ende des Kalten Krieges, in dem sich nicht mehr Staaten, sondern ganze Kulturen bekämpfen würden.

«Es war nicht Bush»

Nach Ansicht von Tarpley geht der Anschlag vom 11. September nicht auf das Konto von islamistischen Terroristen, sondern eines geheimen Netzwerks innerhalb des US-amerikanischen Staatsapparats, das Verbindungen zur Rüstungsindustrie und zur Finanzwelt habe. Das Unterfangen sei zudem von ausländischen Geheimdiensten – darunter englischen und israelischen – unterstützt worden.

Die Schuldigen seien aber nicht an der Spitze der US-Regierung zu suchen.

Weder Präsident Bush noch dessen Vize Dick Cheney hätten von den Attacken gewusst. Hier weicht Tarpley von der verbreiteten Truther-These ab, dass Bush und/oder Cheney in die Anschläge verwickelt waren. Tarpleys Hauptargument: Der US-Präsident habe sowieso keine Macht.

Das konspirative Netzwerk nach Tarpley geht auf die frühen 60er-Jahre zurück. Der CIA-Mitbegründer Allen Dulles soll anfangs eine zentrale Rolle eingenommen haben. Tarpley sieht auch den Tonkin-Zwischenfall, den Mord an John F. Kennedy und die Iran-Contra-Affäre als Produkte dieser Geheimgruppierung an.

Bin Laden und seine Mitstreiter hätten weder über die logistischen noch technischen Möglichkeiten verfügt, um einen solchen Terroranschlag zu verüben. 9/11 sei nur möglich gewesen durch die aktive Mitarbeit der Geheimdienste.

Diese Gruppe sei in verschiedenen Bereichen verankert: In der Regierung, in den Geheimdiensten, im Militär und auch in der Finanzwelt.

Natürlich lehnt Webster Tarpley den offiziellen Untersuchungsbericht zu 9/11 ab. Dieser könne zentrale Fragen nicht beantworten: Wie wurden die Attentäter identifiziert? Warum stürzte World Trade Center 7 ein, und was hat das Pentagon getroffen?

Bin Laden und seine Mitstreiter hätten weder über die logistischen noch technischen Möglichkeiten verfügt, um einen solchen Terroranschlag zu verüben. 9/11 sei nur möglich gewesen durch die aktive Mitarbeit der Geheimdienste, behauptet Tarpley.

Künstlicher Terror

Tarpley bringt den Begriff des synthetischen, des künstlichen Terrors ins Spiel. Terrorismus allgemein, so schreibt er, sei nicht als Antwort gegen Unterdrückung, sondern immer als Produkt geheimer Gruppierungen mit Verbindungen zu Staaten zu verstehen. Militär und Geheimdienste würden Terrorzellen gezielt aufbauen, um dadurch eigene Ziele zu erreichen.

Tarpley widerspricht also Thesen, wonach Terror eine Reaktion von westlicher Intervention ist oder aus religiösem Fundamentalismus geboren wird. Terrorismus aus Sicht Tarpleys ist eine Art verdeckter Krieg von Regierungen, der dazu dienen soll, die öffentliche Meinung zu beeinflussen.

Terrorismus allgemein sei nicht als Antwort gegen Unterdrückung, sondern immer als Produkt geheimer Gruppierungen mit Verbindungen zu Staaten zu verstehen.

Genau identifizieren kann Tarpley das angebliche Schattennetzwerk nicht. Im Fall von 9/11 sieht er aber Hinweise, dass streng geheime Abteilungen der Socom, der Kommandoeinrichtung der Spezialtruppen der US-Armee, massgeblich beteiligt waren. Diese Abteilungen oder Programme benennt er mit Able Danger und Door Hop Galley.

Er verweist auf ein Statement des Kongress-Aabgoerodneten Curt Weldon aus dem Jahr 2005, in dem dieser beschrieb, dass Able Danger nicht nur dazu gedient habe, Al Kaida-Terroristen nachzuspüren, sondern auch, um diese zu manipulieren. Manipulieren sei mit Steuern gleichzusetzen, interpretiert Tarpley das Zitat.

Von Sündenböcken und Maulwürfen

Tarpley beschreibt den Terrorakt selbst als Zusammenspiel von drei Personengruppen: Den Sündenböcken (patsies), den Maulwürfen (moles) und den technischen Experten (expert professionals). Die Leute, welche von offizieller Seite als Täter identifiziert worden sind, seien die Sündenböcke gewesen.

Sie hätten nicht gewusst, was mit ihnen geschah. Sie seien auch nie in der Lage gewesen, eine solche Aktion allein zu planen, geschweige denn durchzuführen. Mohammed Atta und die anderen Attentäter seien Säufer und Chaoten und keine fanatischen Islamisten gewesen. Darauf deuten gemäss Tarpley Berichte diverser Zeugen hin, welche die vermeintlichen Attentäter in Stripclubs und Bars beobachtet hatten.

Die Maulwürfe hingegen, welche die zweite Gruppe in Tarpleys Schema bilden, seien fähiger. Dies seien Personen innerhalb der Behörden, die im Interesse des geheimen Schattennetzwerks agieren würden.

Mohammed Atta und die anderen Attentäter seien Säufer und Chaoten und keine fanatischen Islamisten gewesen.

Die dritte Gruppe bildeten die Experten und technischen Profis. Sie hätten die Flugzeuge in die Ziele fliegen lassen, Leute beseitigt und Spuren verwischt.

Bei den Flugzeugen, welche in die Ziele flogen, vertritt Tarpley die Ansicht, dass diese gar nicht von Menschen, sondern wie Drohnen per Fernsteuerung gelenkt wurden. Denn Atta und seine Kollegen hätten nicht die Disziplin und das Können gehabt, um die gezeigten Flugmanöver zu bewerkstelligen.

Tarpley verweist auf ein Drohnen-Modell namens «Global Hawk», welches von der US-Forschungsbehörde Darpa entwickelt wurde. Bereits 2001 soll es gemäss Tarpley möglich gewesen sein, das System dieser Drohne oder ein vergleichbares in einen grossen Airliner einzubauen und diesen dann vom Boden aus fernzusteuern.

Die Flugzeuge seien mittels Koordinaten-Eingabe punktgenau in die Twin Towers geflogen worden.

Die Militärübungen

Der vielleicht wichtigste Beweis für eine US-Beteiligung an den Anschlägen stellt für Tarpley der Umstand dar, dass um den 11. September 2001 herum eine Vielzahl von Militär- und Geheimdienstübungen stattfand. Gemäss Tarpley soll es noch nie zuvor in der Geschichte der USA eine derartige Häufung von Manövern gegeben haben.

Diese Übungen hätten dazu gedient, die Voraussetzungen für das Hauptmanöver – also die inszenierten Anschläge – zu schaffen. Quasi unter dem Deckmantel dieser Manöver seien die Anschläge bewerkstelligt worden.

Der mysteriöse Anruf

Der Beweis für seine Kernthese, wonach eine Art Schattenregierung hinter den Terrorattacken steckt, sieht Tarpley in einer telefonischen Warnung an den Secret Service, welche Codewörter enthalten habe, die nur Insider gewusst hätten.

In dieser anonymen Warnung, die von der US-Regierung offiziell bestätigt worden ist, soll der Anrufer angekündigt haben, dass Air Force One, also die Maschine des US-Präsidenten, das nächste Anschlagsziel sei. Doch statt Air Force One zu sagen, habe der Anrufer von «Angel» gesprochen: «Angel is next.» Das behauptet zumindest Tarpley. Angel sei das Codewort für Air Force One, das aber nur einzelnen Behörden bekannt sei.

In dieser anonymen Warnung soll der Anrufer angekündigt haben, dass die
Air Force One, also die Maschine des US-Präsidenten, das nächste Anschlagsziel sei.

Tarpley stellt die These auf, dass das Netzwerk sich mit dieser Warnung gegenüber Bush und Cheney quasi zu erkennen gegeben habe und mit einem Sturz der Regierung oder noch viel schlimmeren Attacken gedroht habe, sollte Bush nicht Al-Kaida als die Schuldigen benennen und – in der Folge – den «Kampf der Kulturen» in Gang bringen.

Von Seiten der Regierung – namentlich dem damaligen stellvertretenden Stabschef Karl Rove – ist mehrmals verlautbart worden, dass nicht der Anrufer das Codewort Angel benützt habe, sondern die Behörde, welche die Warnung erhielt und diese an eine andere Behörde weiterleitete.

Dies verneint Tarpley. In seinen Augen habe der Anrufer das Wort «Angel» verwendet, was darauf hindeute, dass die Drahtzieher über geheimes Wissen verfügten. Er verweist auf ungenannte israelische, französische und russische Quellen.

Eine Ersatztreligion

Tarpley betrachtet die offizielle Darstellung von 9/11 als Verschwörungstheorie und bezeichnet sie als «heiligen Mythos der Nation» und Ersatzreligion. Dieser Mythos sollte gemäss seiner Ansicht sozialen Zusammenhalt in den USA herstellen in Zeiten, in denen andere Ideologien ihre Wirkung beim Volk verloren hätten.

Wenn die Zerstörung der offiziellen 9/11-Version nicht gelinge, dann drohe den USA eine faschistische Regierung.

Er richtet sich am Ende des Buches an die Leserschaft und fordert diese auf, aktiv zu werden und gegen den «9/11-Mythos» anzukämpfen. Er sieht die Enthüllung der Wahrheit über 9/11 als eine Art heiligen Gral, der den Weg zur Lösung anderer Probleme in der Welt und insbesondere in den USA bereite.

Wenn aber das Heilmittel – also die Zerstörung der offiziellen 9/11-Version – nicht gelinge, dann drohe den USA eine faschistische Regierung.

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Literaturverzeichnis:

– Tarpley, Webster, 2011, 9/11 Synthetic Terror, Progressive Press

Bildnachweise:

– Das Bild von Webster Tarpley in der Artikelvorschau sowie in der Bildergalerie stammt von www.telegram.ee.
– Buchcover: zvg/Progressive Press
– Ground Zero: slagheap via Flickr
– Global Hawk: Eddie Maloney via Flickr

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