Unsere versteckten Verwandten

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Grosse Entdeckungen in den letzten 15 Jahren haben unser Bild von der Evolution der Affen und Menschen über den Haufen geworfen. Plötzlich erscheint die Vorstellung von Bigfoot, Yeti und anderen angeblich überlebenden Urmenschen nicht mehr so abwegig. Doch was wäre der Bigfoot, wenn es ihn tatsächlich gäbe? Affe oder Mensch? Hinweise erhalten wir aus einer Reihe von Indizien, darunter einem umstrittenen Film aus den 60er-Jahren.


Die Frage, ob Bigfoot existiert, ist in diesem Text zweitrangig. Ich kann nachvollziehen, dass Wissenschaftler oder Menschen allgemein in Anbetracht der Indizien, die vorhanden sind, sehr kritisch sind. Für mich ist das Material, das sich über die Jahrzehnte angesammelt hat, zumindest sehr interessant. Die Kombination aus Hunderten von glaubwürdigen, in sich konsistenten Sichtungen, Fussabdrücken und Filmaufnahmen deutet auf die Existenz einer neuen Menschen- oder Affenart in Nordamerika hin.

Klar, Halluzinationen, Fälschungen («Hoaxes») oder Fehleinschätzungen können einen Teil der Sichtungen erklären. Bigfoots können beispielsweise mit Bären oder anderen Menschen verwechselt werden, vor allem nachts. Doch Fehleinschätzungen können insbesondere nicht jene Sichtungen von erfahrenen Biologen erklären, welche bei guten Sichtverhältnissen geschehen. Beispiele sind die Berichte von Kathy Strain, John Mionczynski, Leila Hadj-Chikh, John Bindernagel und Alton Higgins.

Die Frage lautet deshalb für viele, die sich mit dem Phänomen auseinandersetzen, nicht mehr, ob Bigfoot existiert oder nicht, sondern um was es sich handelt. Ist es ein Hominide wie wir und der Neandertaler oder ein Affe wie der Schimpanse und der Orangutan?

Doch wie relevant ist diese Frage wirklich? Wie gross ist der Unterschied zwischen uns Menschen und den Affen?

Eine kurze Geschichte des Urmenschen

Die Geschichte des Menschen begann vor zirka 6 Millionen Jahren mit einem Schimpansen-ähnlichen Affen. Einige der Nachkommen dieses Primaten entwickelten sich zu modernen Schimpansen, andere verliessen den ostafrikanischen Wald, wo sie lebten, und wurden in der Savanne von Vier- zu Zweibeinern. Dies war der Start der eigentlichen Menschenlinie – wissenschaftlich Hominini genannt. Die Aufrechtgänger breiteten sich aus, spalteten sich in paar weitere Arten ab. Eine Spezies entwickelte grosse Gehirne, eroberte die Erde und überlebte als einzige – der Homo sapiens, wir moderne Menschen.

Doch diese Geschichte, die von Anthropologen weltweit jahrzehntelang gelehrt worden ist, stimmt so nicht mehr ganz. In den vergangenen rund 15 Jahren wurden zahlreiche Entdeckungen gemacht – vor allem dank neuer DNA-Analysemethoden – die grundsätzliche Annahmen in Frage stellten oder sogar über den Haufen warfen. So haben die Enthüllungen von drei Skelettfunden in den Jahren 2001 und 2002 gezeigt, dass die Geschichte des Menschen viel älter ist als angenommen: Die gefundenen Hominidenarten waren zwischen 5,8 und 7 Millionen Jahre alt und wiesen bereits sehr menschenhafte Merkmale auf.

2009 stellten Wissenschaftlern Ardipithecus ramidus vor, ein 4,4 Millionen Jahre altes Skelett. Ardi hatte keine schimpansenhafte Anpassungen für das Schwingen in den Bäumen oder den Knöchelgang, also die vierbeinige Fortbewegungsart, bei der die Arme mit den Handknöcheln abgesetzt werden. Stattdessen deuteten Ardis Füsse, Beine und Wirbelsäule klar auf einen Zweibeiner hin. Trotzdem lebte diese Art in Wäldern. Einige Hominiden begannen somit, aufrecht zu gehen, bevor sie die Wälder verliessen.

Auch über den Haufen geworfen wurde die Vorstellung, dass erst relativ moderne Menschen den afrikanischen Kontinent verliessen. 2002 wurde bei Dmanissi in Georgien ein zirka 1,75 Millionen Jahre alter Schädel eines eher primitiven Homo erectus gefunden. Noch spektakulärer war die Entdeckung des Homo floresiensis auf der Insel Flores in Indonesien im Jahr 2009: Der so genannte «Hobbit» hatte das kleine Gehirn und den kleinen Körper eines frühen afrikanischen Homininden im Stil des Australopithecus, doch lebte er offenbar bis vor wenigen zehntausend Jahren, als es bereits moderne Menschen gab.

Kein Stammbaum, ein Stammbusch!

Jahrzehntelang nahmen Anthropologen an, dass sich affenähnliche Arten in Jahrmillionen Jahren allmählich in menschenähnliche verwandelten. Die Vorstellung eines solchen Stammbaums mit einem klaren Ursprung und einem Fortschritt hin zu mehr sapiens-haften Eigenschaften wie grosse Gehirne und Werkzeuggebrauch ist aber falsch. Bildlich gesprochen ähnelt die menschliche Evolution eher einem Busch.

Verschiedene Hominidenarten lebten zeitgleich, einige hatten grosse, andere kleine Hirne, die einen stellten bereits Werkzeuge her und bauten Unterkünfte, während andere in einem eher affenhaften Stadium verblieben. Interessant ist hierzu auch die Enthüllung des Homo naledi im Jahr 2016, eines ebenfalls eher affenhaften Hominiden, der bis vor wenigen 100 000 Jahren in Südafrika und somit zeitgleich mit Homo sapiens lebte.

Einige dieser Menschenarten paarten sich untereinander und bildeten so auch die Grundlage für neue Variationen und Populationen, was ebenfalls eine revolutionäre Erkenntnis war. Dass Neandertaler und Menschen Sex hatten, ist dank DNA-Untersuchungen aus dem Jahr 2010 erwiesen: Wir Menschen sind heute alle zu einem bestimmten Prozentsatz Neandertaler.

Ebenfalls 2010 erklärten Forscher, dass sie in Knochenfunden aus Sibirien auf eine neue Spezies gestossen waren und sich diese auch mit Homo sapiens fortgepflanzt hatte – die Densiovaner. Bis heute bleiben die Denisovaner rätselhaft. Alles, was wir bislang an Überresten von ihnen haben sind ein Fingerknochen und drei Zähne – alle stammen aus einer einzigen Höhle in Sibirien. Es gibt keine Skelette, keine Schädel, und das, obwohl sie bis vor wenigen 100 000 bis womöglich sogar 10 000 Jahren in grossen Teilen Asiens und dem Pazifikraum verbreitet waren.

Grundlegend in Frage gestellt wurde kürzlich auch die Vorstellung, dass moderne Menschen die ersten Hominiden auf dem amerikanischen Kontinent waren und erst vor zirka 15 000 Jahren dort eintrafen. In den 90er-Jahren fanden Forscher nahe San Diego mehrere Skelettknochen eines Mastodons sowie abgenutzte und zerbrochene Steinbrocken. Die Datierung lautete: Rund 130 000 Jahre. 2017 erklärte ein Team im Fachmagazin Nature, dass diese Knochen und Steine von Menschen oder anderen Hominiden bearbeitet worden seien. Somit fand die Besiedlung Amerikas wohl viel früher statt. Doch wer waren die mysteriösen Mastodon-Jäger? Tatsächlich moderne Menschen oder doch eher Neandertaler? Oder eine ganz andere Spezies?

Die letzten beiden Punkte, also zum einen der Umstand, dass vom Denisova-Menschen trotz seines grossen Verbreitungsgebietes bislang kaum Knochen gefunden wurden, und zum anderen der Hinweis auf eine viel frühere Besiedlung Amerikas, lassen auch das Bigfoot-Phänomen in einem etwas anderen Licht erscheinen. Womöglich war Bigfoot einer dieser frühen Besiedler. Und wahrscheinlich zeigt uns das Beispiel Denisova, dass die fehlenden Bigfoot-Fossilien kein echtes Argument gegen die Existenz des Bigfoots darstellen.

Die Frage ist relevant

Forscher fragen sich heute nun, wo die Linien genau zu ziehen sind. Die Linien zwischen uns, den Hominiden und den Menschenaffen.

Und wo passt Bigfoot in dieses Bild, falls es ihn denn gibt? Ist er ein Affe im Stil des Gorillas mit sehr hominidenhaften Anpassungen? Oder doch ein moderner Hominide, ja womöglich sogar eine Unterart des Homo sapiens, wie das Forscherteam um Melba Ketchum behauptet?

Die Frage ist insofern relevant, dass sie uns bei der Art und Weise, Forschung zu betreiben und dem Bigfoot letztendlich auf die Schliche zu kommen, weiterhelfen könnte. Zudem hat sie auch moralisch-ethische Komplikationen: Dürfen wir, damit wir ein Typusexemplar und somit den ultimativen Beweis haben, einen Bigfoot erschiessen? Was ist, wenn er ein sehr naher Verwandter des Homo sapiens ist? Wäre das Mord?

Kein Interesse an Bigfoot-DNA

Heute sollte es eigentlich dank der DNA möglich sein, unsere Frage zu beantworten. Es gab Versuche, zwei Studien von 2013 und 2014, doch die eine ist stark umstritten, die andere brachte keinen Hinweis auf die Existenz des Bigfoots als neue Art.

Doch leider hat der ganze DNA-Bigfoot-Komplex mit einer Reihe von Problemen zu kämpfen.

Problematisch ist zum einen, dass die genetischen Codes von Menschen und Affen so ähnlich sind, dass die Unterschiede fast nicht auszumachen sind. Neandertaler-DNA ist mit unserer fast identisch: Unter den insgesamt rund 16 500 Basenpaaren gibt es nur 200 Unterschiede. Bei den Schimpansen sind es deren 2000. Diese Unterschiede zu finden und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen, ist mit grossem Aufwand verbunden und setzt Erfahrung und Wissen voraus.

Weiter stehen die Forscher vor der Herausforderung, dass kein Bigfoot-DNA-Fingerabdruck, also keine eindeutig identifizierte DNA-Probe von Bigfoot vorhanden ist, mit der man gefundene Proben vergleichen könnte. Zudem ist nicht von sämtlichen bekannten Menschen- und Menschenaffenarten DNA vorrätig, was die Identifizierung weiter erschwert. Von den in meinen Augen besten Kandidaten für Bigfoot – dem ausgestorbenen Australopithecus sowie dem Homo erectus – wissen wir den genetischen Code nicht. Zwar sind Knochen von diesen Arten gefunden worden, doch konnte aus diesen bis heute kein genetisches Material gewonnen werden. DNA zerfällt und löst sich mit der Zeit auf, vor allem wenn die klimatischen Bedingungen nicht stimmen.

Zudem besteht bei DNA die Gefahr von Kontamination, wie etwa die Geschichte des angeblichen «Bigfootmörders» Justin Smeja gezeigt hat: Proben können durch die DNA des Finders oder anderer Menschen und Tiere, die damit in Berührung kamen, verfälscht werden.

Das grösste Problem von allen ist aber, dass heute kaum ein seriöser Forscher bereit ist, DNA-Spuren von angeblichen Bigfoots unter die Lupe zu nehmen. Viele befürchten, sich dadurch lächerlich zu machen, und wohl noch mehr denken, dass Bigfoot reiner Blödsinn ist. Ich habe selbst schon diverse Anthropologen und Genforscher in der Schweiz und anderswo angefragt, ob Sie bereit wären, Bigfoot-DNA zu untersuchen. Die Antwort bei allen war entweder «kein Interesse» oder «keine Zeit».

So lange also diese Unsicherheitsfaktoren und Einschränkungen nicht eliminiert worden sind und kein Typusexemplar, also eine Bigfoot-Leiche oder Teile eines Skeletts, vorhanden sind, müssen andere Hinweise herangezogen werden, um in der Frage nach der Identität des Bigfoots weiterzukommen.

Bigfoot ist ein Zweibeiner

Allgemein wurden in der Evolutionsgeschichte des Menschen die Beine länger und die Arme kürzer. Lange Beine ermöglichten schnellere Fortbewegung auf zwei Beinen, was etwa bei der Nahrungssuche oder bei der Flucht vor Raubtieren von Vorteil war. Die Arme wurden kürzer, weil sie nicht mehr für die Fortbewegung auf allen Vieren und nur noch selten zum Klettern benötigt wurden.

Weiter kann das Aussehen der Füsse und Hände wertvolle Indizien liefern: Affenfüsse zeichnen sich durch einen grossen Zeh aus, der nicht wie die anderen Zehen ausgerichtet ist, sondern ähnlich wie der Daumen bei menschlichen Händen positioniert ist. Er funktioniert dadurch wie eine Hand, was beim Klettern hilft. Im Laufe der Entwicklung zum Menschen hat sich der grosse Zeh von der Position her immer stärker den anderen Zehen angeglichen, was sich stabilisierend auf die Fortbewegung auf zwei Beinen ausgewirkt hat.

Die Menschenhand zeichnet sich im Vergleich zur Affenhand durch einen längeren, beweglicheren Daumen aus, was den Gebrauch von Gegenständen erleichtert.

Eine sehr vielsagende Eigenschaft in Bezug auf unsere Frage stellt die Fortbewegung dar. Das Gehen auf zwei Beinen, wie wir es tun, ist gemäss Biologen und Anthropologen einer der wichtigsten Unterschiede zwischen Menschen und Affen. Kein bekannter, heute lebender Menschenaffe geht normalerweise auf zwei Beinen. Sie gehen meistens auf allen Vieren und stützen sich dabei auf ihre Fingerknöchel ab. Nur ab und zu, etwa um Kontrahenten einzuschüchtern oder Gegenstände zu tragen, gehen sie aufrecht wie wir.

Eine noch menschlichere Eigenschaft als der aufrechte Gang stellt die Sprache dar. Eine so komplexe Sprache wie wir sie haben ist einmalig unter allen Arten auf der Erde. Lange Zeit war nicht einmal klar, ob unser nächster Verwandter, der Neandertaler, eine Sprache besass. Menschenaffen können nicht sprechen. Es gibt zwar Berichte über quasi-sprechende Affen und zumindest ein Video in Internet, das einen brabbelnden Orangutan im Zoo zeigt, aber mit Sprache im engeren Sinn hat das nichts zu tun. Die heute bekannten noch lebenden Menschenaffen sind intelligent und können Zeichensprache erlernen, aber sprechen können sie nicht. Rein anatomisch wären sie wohl dazu in der Lage, doch ihre kognitiven Fähigkeiten sind dafür schlicht zu wenig weit entwickelt.

Was also sind nun die Bigfoot-Spuren und -Dokumente, die man anschauen könnte, um bei der Frage nach der Identität des Bigfoots weiterzukommen?

Nun, erstens eine Filmaufnahme: Der Patterson-Film aus dem Jahr 1967, der bereits diversen wissenschaftlichen Studien unterzogen worden ist. Weiter können wir Gipsgüsse und Fotos von Fuss- und Handabdrücken sowie ein Ganzkörperabdruck unter die Lupe nehmen, zu denen ebenfalls Untersuchungen existieren. Weiter können wir Lautaufnahmen anschauen. Die interessantesten stellen zweifellos die so genannten «Sierra Sounds» dar, welche von einem Linguisten im Detail analysiert worden sind.

Doch gehen wir der Reihe nach.

Von wegen als Fälschung entlarvt!

Der Patterson-Film stellt mit Abstand die beste Filmaufnahme eines Bigfoots dar. Der 1967 von Roger Patterson im Six Rivers-Nationalpark in Nordkalifornien geschossene 16mm-Film zeigt ein behaartes, muskulöses und scheinbar weibliches Wesen, das zweibeinig wie ein Mensch an einem Bach entlangläuft. Einmal wendet es sich für einen kurzen Moment dem Filmer zu, bevor es in grossen, aber nicht gehetzten Schritten in Richtung einer bewaldeten Böschung schreitet. Die Aufnahme dauert rund eine Minute und kann oben in der Bildergalerie angesehen werden. Einige Versionen sind so gut restauriert und stabilisiert worden, dass man erstaunliche Details erkennt.

Es gibt zwei ausführliche Studien zum Patterson-Film, die ich als relevant erachte: Zum einen jene des North American Science Institute (NASI) aus dem Jahr 1998, welche durch den Forensiker Jeff Glickmann durchgeführt wurde. Zum anderen die Untersuchungen des Maskenbildners William Munns, der jahrzehntelang in der Hollywood-Filmindustrie gearbeitet hat. Seine Schlussfolgerungen erschienen 2014 in einem Buch, zudem hat er mehrere Artikel im «Relict Hominoid Inquiry», einer von Jeff Meldrum herausgegebenen Online-Publikation zu Bigfoot und ähnlichen Kreaturen, veröffentlicht.

Sowohl Glickmann als auch Munns kommen zum Schluss, dass die Kreatur im Patterson-Film kein Mensch in einem Kostüm sei. Es gibt auch keine gleichwertige Untersuchung des Films, welche zum gegenteiligen Ergebnis kommt.

Glickmanns schrieb, dass er keinen Hinweis auf eine Fälschung gefunden habe. Falls es eine Fälschung sei, so Glickmann, wären viel Geld und Wissen über Primaten nötig gewesen, um ein entsprechendes Kostüm zu bauen.

Die Kreatur sei rund 220 Zentimeter gross und ihre Körperproportionen seien anders als bei einem Menschen derselben Grösse: Sie habe längere Arme und kürzere Beine. Die Kreatur gleiche in vielen Belangen einem Gorilla. Ähnlich seien etwa der Brauenwulst über den Augen, der Scheitelkamm an der Spitze des Schädels, die Position der Ohren und der unterhalb der Schulterlinie positionierte Kiefer.

Bill Munns kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Gemäss Munns war es in den 60er-Jahren nicht möglich, ein solch realistisches Kostüm zu bauen. Überzeugend sind für ihn vor allem die Kopf- und Nackenbewegungen der Kreatur, die Fettablagerungen und Muskeln, welche anatomisch korrekt positioniert sind, und die Brüste der Kreatur, die realistisch wackeln, während sie sich dem Filmer zuwendet. Alles deute auf ein echtes biologisches Wesen hin.

Auch ich habe mir den Film mittlerweile Dutzende Mal angesehen. Mich beeindrucken die Muskelbewegungen an den Unterschenkeln und am Rücken. Die Kreatur wirkt auf mich zwar menschenhaft, aber viel primitiver und robuster – so wie ein in der Wildnis lebender, unbekannter Hominide wohl aussehen würde.

Munns’ Arbeit ist sehr wertvoll, weil er die Proportionen der Kreatur untersucht und sie mit denen bekannter Hominiden verglichen hat. Sein Schluss: Die Kreatur gleiche einem Neandertaler. Bei der Kopfform hingegen sieht Munns starke Ähnlichkeiten zum Paranthropus robustus, einem frühen Vertreter der Menschenfamilie, der vor rund 2 Millionen Jahren in Afrika lebte.

«Er ist am ehesten mit uns Menschen verwandt»

Es gibt nur wenige Primatologen, welche den Patterson-Film ernst nehmen. Einer davon ist der US-Amerikaner Esteban Sarmiento. Er betrieb jahrelang Feldforschung zu den Gorillas. Er war es, der die Gorilla-Population am nigerianischen Cross River als einzigartige Unterart identifizierte.

Sarmiento interessiert sich seit längerem für Bigfoot. Er glaubt, dass es sich am ehesten um einen unbekannten Hominiden handeln könnte. «Die Ähnlichkeiten von Bigfoot und Mensch in ihren Bewegungen und Körperproportionen legen nahe, dass sie sehr eng miteinander verwandt sind», sagte er mir.

Sarmiento stützt sich bei dieser Meinung vor allem auf den Patterson-Film. «Wenn der Patterson-Film tatsächlich einen Bigfoot zeigt, dann spricht vieles dafür, dass Bigfoot eher ein Hominide als ein Menschenaffe ist. Die Kreatur im Film hat einen sehr beweglichen Nacken, was Menschenaffen nicht haben. Zudem sind die Körperverhältnisse sehr hominidenhaft, etwa das Verhältnis der Längen von Unter- zu Oberextremitäten und das der unteren Extremitätenlänge zum Rumpf. Das einzige affenhafte Merkmal ist die starke Behaarung.»

Der Krux mit der Wölbung

Nicht nur die Einschätzung von Sarmiento oder die Filmanalysen von Munns und Glickmann deuten auf die Authentizität der Patterson-Kreatur hin, sondern auch die Spur, welche sie hinterliess. Sowohl der Filmer Roger Patterson als auch andere Bigfoot-Forscher fanden kurz nach der spektakulären Aufnahme Fussabdrücke. Sie fotografierten und filmten sie und hielten einige in Gips fest. Diese Gipsgüsse sind mittlerweile durch verschiedene Experten analysiert worden und gelten für Jeff Meldrum noch immer zu den besten überhaupt.

Die Fussabdrücke sind das Merkmal, das Bigfoot seinen Namen gegeben hat. Und sie sind auch das am häufigsten gefundene Indiz. Es ist mehr als ein Indiz, schliesslich stellen die Gipsgüsse das Negativ eines Körperteils dar, das untersucht und vermessen werden kann.

Gipsformen von Bigfootspuren sind zahlreich vorhanden. Nicht so wie beim Yeti, Bigfoots «Cousin» in Zentralasien, von dem wohl nur einige Handvoll existieren. Von Bigfoot sind Hunderte vorrätig. Meistens wird nicht nur ein Abdruck gefunden, sondern Dutzende und manchmal sogar kilometerlange Spuren. Oft werden diese Fährten in entlegenen Gebieten entdeckt, und die Distanz von Abdruck zu Abdruck ist so gross, dass ein Mensch Stelzen verwenden müsste, um sie zu kreieren. Manchmal weisen die Spuren auch Verletzungsmerkmale auf. Eine Fälschung mag somit in allen Fällen möglich sein, aber plausibel ist sie längst nicht in allen.

Einer, der sich auf Bigfoot-Fussabdrücke spezialisiert hat, ist Jeff Meldrum, der US-Anthropologe, der als Professor an der Universität von Idaho lehrt. Er hat sich in seiner Forschung auf die Evolution der aufrechten Gehweise des Menschen spezialisiert und kennt sich deshalb mit der Fuss- und Beinanatomie von Affen und Menschen bestens aus. Er besitzt Dutzende Gipsformen von Bigfoot-Abdrücken und hat viele davon mit einer 3D-Scan-Technik digitalisieren lassen, um sie am Computer besser analysieren zu können.

Gemäss Meldrum sind Bigfoot-Fussabdrücke im Schnitt zwischen 38 und 40 Zentimeter lang – der menschliche Fuss misst im Schnitt zwischen 26 und 27 Zentimeter. Betrachtet man Gipsgüsse oder Fotos von vermeintlichen Bigfoot-Spuren, dann fällt auf, wie menschlich sie aussehen: Fünf Zehen, die einander angeglichen sind, zudem Fussballen und Ferse. Doch hier hören gemäss Meldrum die Ähnlichkeiten auf.

Die Bigfootfuss sei grundsätzlich viel breiter als der menschliche. Zudem seien die Zehen viel länger und der Fersenbereich im Verhältnis viel grösser. Der wichtigste Unterschied sei im mittleren Teil des Fusses zu finden: Während wir Menschen dort eine Wölbung und eine relativ steife Knochenstruktur besitzen, habe der Bigfoot einen viel flexibleren Mittelfussbereich, ähnlich wie die Menschenaffen und frühen Hominiden. Dadurch werde das Gehen in steilem, unwegsamem Terrain begünstigt, meint Meldrum. Unsere menschlichen, steiferen und gewölbten Füsse sind hingegen eher für das Gehen auf flachem Terrain optimiert. Für Meldrum sind die Fussabdrücke ein starker Hinweis, dass wir es mit einem Affen oder einem ganz frühen Hominiden zu tun haben.

Forscher von der Universität Boston fanden jedoch vor wenigen Jahren heraus, dass viele moderne Menschen über eine ähnliche Mittelfussflexibilität verfügen wie Menschenaffen: Sie untersuchten die Füsse von rund 400 Amerikanern, rund 30 davon hatten einen «affenhaften» Mittelfuss. Somit ist das gemäss Meldrum affenhafteste Merkmal des Bigfoot-Fusses plötzlich gar nicht mehr so affenhaft.

Stummlige Finger

Ähnlich wie mit den Fussabdrücken verhält es sich mit angeblichen Bigfoot-Handabdrücken: Sie haben sowohl menschen- als auch affenhafte Merkmale. Doch Handabdrücke sind viel seltener: Es gibt wohl nur eine Handvoll Gipsgüsse und nur einige Fotos von Abdrücken. Das vorhandene Material ist aber in sich konsistent und erlaubt einige interessante Rückschlüsse auf die mögliche Handanatomie des Bigfoots.

Einer, der sich mit diesem Thema intensiv auseinandergesetzt hat, ist der Biologe und NAWAC-Vorsitzende Alton Higgins. Er publizierte 2002 eine ausführliche Analyse der vorhandenen Spuren. Zum einen untersuchte er grosse, menschenhafte Handabdrücke, welche auf parkierten Autos in Oklahoma hinterlassen worden waren. In der besagten Region im Zentrum des US-Bundesstaates waren in dieser Zeit mehrmals Bigfoots gesichtet worden, unter anderem auch von Higgins selbst. Er erzählte mir, dass er ein grosses, schwarzes Tier gesehen habe, das auf zwei Beinen mit grossem Tempo über ein Feld gerannt sei.

Nebst diesen Fotos von Abdrücken existieren in Gips festgehaltene Negative von Handabdrücken im Boden. Besonders aussagekräftig sind jene, welche in den 70er-Jahren durch den umstrittenen Amateurforscher Paul Freeman im Bundesstaat Washington sichergestellt wurden.

Gemäss Higgins sind Bigfoot-Hände rund doppelt so gross wie menschliche. Im Verhältnis ist die Handfläche gross und die Finger kurz und dick. Higgins stellte fest, dass die mittleren beiden Finger ungefähr dieselbe Länge hätten, während der Zeige- und der kleine Finger gleich lang seien. Interessant ist vor allem die Positionierung des Daumens: Er ist näher beim Handgelenk als dies beim menschlichen Daumen der Fall ist, so wie bei den Menschenaffen.

Ebenfalls affenhaft sei die schwächere Ausprägung eines Muskels, der die Handinnenfläche mit dem Daumen verbindet. Bei uns Menschen ist dieser Muskel sehr ausgeprägt, weil wir unsere Hände für präzise Arbeiten verwenden. Gemäss Higgins verfügt der Bigfoot also nicht über die anatomischen Voraussetzungen, um mit Präzision Werkzeuge herzustellen und einzusetzen.

Primatologe ist beeindruckt

Auch der so genannte «Skookum Cast» deutet gemäss den Forschern, die ihn untersuchten, auf einen Menschenaffen hin. Dabei handelt es sich um einen zirka 110 mal 150 Zentimeter grossen Gipsabguss von einem Abdruck im Schlamm, den Bigfoot-Forscher der Bigfoot Field Researchers Organization im September 2000 im Gifford Pinchot National Forest in Washington fanden (siehe Bildergalerie). Der Abdruck sei von einem liegenden Bigfoot hinterlassen worden, behaupten die Finder. Man sehe unter anderem den Eindruck einer grossen, menschenhaften Ferse. Kritiker widersprechen und sagen, dass es ein Hirsch der Verursacher sei. Die angebliche Ferse sei nichts weiteres als das Beingelenk des Hirsches.

Der Skookum-Abdruck wurde von einer Reihe namhafter Experten untersucht, darunter vom Biologen George Schaller, der mit seiner Studie über die Berggorillas weltberühmt wurde, sowie den Primatologen Esteban Sarmiento und Daris Swindler.

Alle drei sollen nach eingehender Untersuchung zum Schluss gekommen sein, dass der Skookum-Abdruck von einem unbekannten Menschenaffen stammt. Swindler, vorher dem Bigfoot-Phänomen gegenüber kritisch eingestellt, wurde angeblich durch den Abdruck von der Existenz des Bigfoots überzeugt. Besonders ein Bereich im Abdruck habe ihn beeindruckt, gab der inzwischen verstorbene Wissenschaftler zu Protokoll. Im Skookum Cast sei «eindeutig der Abdruck einer robusten Achillessehne eines Primaten» zu erkennen. Swindler ging so weit zu behaupten, dass der Skookum-Abdruck von einem Nachfahren des ausgestorbenen Gigantopithecus stamme. Dies stellt aber in meinen Augen ein sehr gewagter Schluss dar, denn bislang wurden von Gigantopithecus keine Fuss- oder Beinknochen gefunden, die einen solchen Vergleich ermöglichen würden. Zudem ist nicht einmal sicher, dass Gigantopithecus auf zwei Beinen ging.

Für mich stellt sich vor allem eine Frage: Wenn der Skookum-Abdruck ein derart überzeugender Beweis für den Bigfoot darstellt, warum ist nie ein wissenschaftlicher Artikel darüber erschienen?

In der Bigfooter-Community ging eine Zeitlang das Gerücht um, dass Swindler zusammen mit anderen Forschern einen entsprechenden Artikel geschrieben habe. Daris Swindler starb im Jahr 2007. Seine Frau Kathryn Rantala sagte mir, dass ein solcher Artikel nie existiert habe. Die Debatte darüber, was den Skookum-Abdruck hinterlassen hat, dauert bis heute an. In unserer Frage hilft er nicht wirklich weiter, da bislang keine eindeutigen Erkenntnisse daraus gewonnen werden konnten.

Gespräche im Wald

Weniger für einen Affen als vielmehr für einen fortgeschrittenen Hominiden spricht, dass Bigfoot über eine Sprache verfügen soll. Dies war lange Zeit umstritten in der Bigfooter-Community, doch wird heute von vielen Forschern – etwa jenen des Erickson-Projekts, der BFRO und der NAWAC – akzeptiert.

Die Anthropologin Kathy Strain, welche die NAWAC auf mehrere Exeditionen begleitete, hörte es eines Morgens aus der Nähe der Hütte, in der sie schlief. Sie beschrieb es als «chatter», Geplapper und berichtete, eindeutig Worte herausgehört zu haben. Auch ihr Kollege, der Biologe Alton Higgins, hörte auf einer Wanderung etwas, das wie eine «Unterhaltung von Personen» geklungen habe, wie er im Ouachita Project Monograph zu Protokoll gibt.

Die NAWAC vertritt den Standpunkt, dass es sich beim Bigfoot um einen Menschenaffen handelt. Entsprechend konservativ geben sich die Forscher bei ihrer Interpretation der Sprechlaute. Sie bezeichnen das Gehörte in ihrem Bericht als «faux speech», als falsche Sprache, und ziehen Parallelen zum Video eines Orangutans im Zoo von Indianapolis, der auf seltsame Weise plappert (siehe Bildergalerie oben). Doch in meinen Augen ist dieses immer gleiche Gebrabbel nicht wirklich vergleichbar mit dem, was die NAWAC-Forscher gehört und auch aufgenommen haben.

Zudem erinnert es stark an Audioaufnahmen aus den 70er-Jahren, welche in den Sierra-Nevada-Bergen entstanden.

Die Sierra Sounds

Bei den «Sierra Sounds» handelt es sich um die mit Abstand besten Lautaufnahmen von Bigfoots – sollten sie denn authentisch sein. Und diese Frage stellt sich bekanntlich bei allen Beweisstücken für Bigfoot.

Ein Tonexperte von der Universität Wyoming namens Dr. R. Lynn Kirlin untersuchte in den 70er-Jahren die Bänder und kam zum Schluss, dass es kein Mensch sei, der die Laute gesprochen habe und es keine Hinweise auf Nachbearbeitung der Bänder gäbe. Und ein Linguist namens Scott Nelson ist der festen Überzeugung, dass kein Mensch so sprechen kann. Er hat die Bänder mittlerweile intensiv untersucht.

Der Mann, dem die Aufnahmen gelangen, heisst Ron Morehead. Regelmässig ging der Kalifornier in den 70er-Jahren mit Freunden in ein entlegenes Gebiet zwischen Lake Tahoe und dem Yosemite-Nationalpark in der Sierra Nevada. Und oft erhielten sie, nachdem sie ihr Camp aufgestellt hatten, nächtlichen Besuch. Sie hörten sie meistens nur, doch manchmal sahen sie sie auch: Gross, behaart und auf zwei Beinen. «Anfangs dachten wir, dass sie uns Ärger machen könnten. Wir hatten aber Waffen dabei und waren deshalb nicht wirklich besorgt», sagte mir Morehead. «Doch mit der Zeit merkten wir, dass sie uns nichts antun und bloss kommunizieren wollten.» Auf einer der Aufnahme ist zu hören, wie Morehead mit einer der Kreatur interagiert, wie er sie nachäfft und umgekehrt nachgeäfft wird.

Ein Journalist namens Allen Berry untersuchte die Behauptungen Moreheads mit dem Verdacht, dass es sich um eine Fälschung handeln könnte – dass entweder die Jäger das Ganze selbst inszenieren oder aber sie von anderen veräppelt wurden. Er begleitete Morehead auf einem der Trips. Er fand aber keinen Hinweis auf andere Menschen oder installierte Soundanlangen im Gebiet. Stattdessen sah er die Kreaturen selbst und konnte auch ihre Laute mit eigenen Geräten aufzeichnen.

«Es ist eindeutig eine Sprache wie wir Menschen sie sprechen», sagte mir der Linguist Scott Nelson. «Es sind Wörter und Sätze herauszuhören, einige klingen etwa wie Befehle, andere wie Fragen.» Nelson war lange Jahre bei der Navy und entzifferte menschliche Sprachen und Codes.

Bevor er auf die Sierra-Aufnahmen stiess, war er, wie er sagt, nicht im Geringsten an Bigfoot interessiert. Dies änderte sich, als er seinem Sohn bei einem Schulprojekt half und dabei auf der Website der BFRO auf die besagten Sierra-Files stiess. «Eines, das mir sofort auffiel, war die grosse Geschwindigkeit, mit der gesprochen wurde. Ich musste die Aufnahmen deutlich verlangsamen, um sie wirklich verstehen zu können.»

Mittlerweile hat Nelson Dutzende Aufnahmen aus verschiedenen US-Bundesstaaten untersucht, von denen die Finder behaupten, dass sie von Bigfoots stammen. Er fand heraus, dass sie sich ähneln und dass verschiedene Bigfoots offenbar in verschiedenen Dialekten sprechen. Bigfoot-Sprache sei grundsätzlich unverständlich, aber habe bestimmte Merkmale von bekannten menschlichen Sprachen, unter anderem solchen der amerikanischen Ureinwohner, aber auch von Spanisch und Englisch.

Sollte Nelsons Analyse stimmen und die Aufnahmen tatsächlich von Bigfoots stammen, dann gewinnt die These, wonach es sich beim Bigfoot um einen fortgeschrittenen Hominiden handelt, stark an Auftrieb.

Fazit: Eher Hominide

Haben wir er also beim Bigfoot mit einem Hominiden oder einem Menschenaffen zu tun? Wie sind die verschiedenen Beweisstücke zu gewichten? Was zählt mehr?

Für mich ist der Patterson-Film das beste Indiz für die Existenz von Bigfoot, weil er so rigoros untersucht worden ist, weil dabei kein Hinweis auf eine Fälschung gefunden und so viele Informationen daraus gewonnen werden konnten. Die Skelettstruktur und das Aussehen der Kreatur im Film sind eindeutig hominidenhaft.

Ein in meinen Augen schwächer zu gewichtendes Indiz sind die Fussabdrücke. Es sind schliesslich nur die Abdrücke und nicht die Füsse selbst, die man untersuchen kann, quasi das Ergebnis der Interaktion des Fusses mit dem Boden. Haben Bigfootfüsse tatsächlich eine Mittelfussflexibilität? Und selbst wenn: Eine Studie hat gezeigt, dass auch viele Homo sapiens über diese Fussanatomie verfügen.

Definitiv affenhafter wirken die Handabdrücke. Hier muss die Frage gestellt werden, ob man die Handvoll Abdrücke und Fotos, die bislang existieren, als repräsentativ bezeichnen kann. Sind diese affenhaften Merkmale tatsächlich vorhanden oder handelt es sich um Artefakte, um Fehler im Abdruck, die durch die Bewegung der Hand entstanden sind und die somit an der Hand selbst nicht wirklich vorhanden sind?

Für mich der zweitbeste Beweis für die Existenz von Bigfoot stellen die Lautaufnahmen von Ron Morehead und Allen Berry dar, vor allem da sie verblüffend ähnlich klingen wie Aufnahmen, die andere Bigfoot-Forscher in anderen Regionen Nordamerikas aufgenommen haben. Bis heute gibt es keine Hinweise darauf, dass die Tapes gefälscht oder manipuliert wurden oder die Laute von einer bekannten Art stammen könnten.

Betrachten wir also nur den Patterson-Film und die Sierra-Aufnahmen, dann entsteht das Bild eines Hominiden, eines sprechenden, sehr intelligenten Hominiden, und nicht eines vergleichsweise primitiven Menschenaffen wie Gigantopithecus.

Das Problem mit Gigantopithecus

Gigantopithecus ist der Liebling vieler Bigfoot-Advokaten. Es handelt sich um eine grosse Affenart, die gemäss Knochenfunden vor mehreren 100 000 Jahren in Asien ausstarb. Der Anthropologe Jeff Meldrum denkt, dass der Gigantopithecus, der bis zu drei Meter gross (im Stand) gewesen sein soll, nach Nordamerika gewandert und dort bis heute überlebt haben könnte. Diese These steht aber auf wackligen Beinen.

Die meisten Primatologen, die sich mit Gigantopithecus beschäftigt haben, sind der Ansicht, dass dieser Riesenaffe auf allen Vieren ging, so wie alle noch lebenden Vertreter der Menschenaffenfamilie. Weiter soll er sich aufgrund seiner Grösse sehr langsam bewegt und sich ausschliesslich von Pflanzen ernährt haben. Ganz anders der Bigfoot: Aus Zeugenberichten ergibt sich das Bild einer zweifüssigen, ultraschnellen, überaus intelligenten und omnivoren Affen- oder Hominidenart. Zudem war Gigantopithecus ein naher Verwandter des Orang-Utans – bislang hat aber keine DNA-Spur von Bigfoot eine besondere Verbindung zu dieser in Südostasien lebenden Spezies gezeigt.

Die Gigantopithecus-Idee ist deshalb mehr als Modell anzusehen, als Schaubild von Bigfoot-Forschern, um der kritischen Öffentlichkeit zu zeigen, dass es einmal einen Riesenaffen gegeben hat, der vielleicht zweibeinig war und sowohl zur richtigen Zeit als auch am richtigen Ort lebte, um als Kandidaten für den Bigfoot zu passen: In Ostasien, als die beiden Kontinente Asien und Nordamerika noch miteinander verbunden waren und eine Migration nach Amerika möglich war.

Doch es braucht heute keinen Gigantopithecus mehr als Argument für den Bigfoot. Die jüngsten Enthüllungen und Entdeckungen im Feld der Paläo-Anthropologie zeigen, dass eine affenhafte Hominidenart in Nordamerika, die bis in die heutige Zeit überlebt hat, kein Ding der Unmöglichkeit ist. Wie wir wissen, haben zur Zeit, als Asien und Amerika miteinander verbunden waren, weltweit eine ganze Reihe von Hominiden mit teils sehr affenhaften Zügen gelebt: Der Homo naledi etwa. Zu diesen Arten korrespondieren die Berichte und Indizien vom Bigfoot definitiv besser als zum Gigantopithecus.

Was ist Bigfoot also? Wenn es ihn gibt und wenn er eine biologische Spezies darstellt, so ist er in meinen Augen am ehesten ein Hominide, ein robuster Australopithecus etwa. Ich halte es jedoch am wahrscheinlichsten, dass es sich beim Bigfoot um eine komplett neue Hominidenart handelt, von der wir bislang keine Fossilien gefunden haben. Und ich vermute auch, dass sich diese Art, genauso wie der Neandertaler und der Denisova-Mensch, im Laufe seiner Geschichte genetisch mit modernen Menschen vermischt hat.

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Literaturverzeichnis:

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– Meldrum, Jeff, 2007, Sasquatch: Legend Meets Science, New York City
– Munns, Bill, 2009, The Munns Report, URL: http://www.themunnsreport.com

Bildnachweise:

– Das Foto in der Vorschau und Galerie stammt von Aschwin via Flickr.

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