Daniele Ganser und die 9/11-Verschwörung

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Der umstrittene Schweizer Historiker Daniele Ganser tut vielfach das, was er den USA und grossen Medien in seinen Vorträgen selber vorwirft: Er stellt suggestive Fragen, spielt gekonnt mit Bildern und nimmt es oft ungenau mit Fakten oder lässt sie weg. Die Verschwörungstheorien entstehen dann im Kopf der Zuhörer. Eine kurze Analyse einiger Kernaussagen Gansers zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001.


Ganser bezweifelt noch heute, dass Al-Kaida hinter den Attacken vom 11. September 2001 in New York und Washington steckt. Auch in seinem Vortrag im Mai 2017 in Thun ging er auf vermeint­liche Ungereimtheiten zu 9/11 ein. Im Zentrum seiner Kritik steht WTC 7, ein Nebengebäude der Twin Towers, das einstürzte, obwohl es von keinem Flugzeug getroffen worden war. «Wir haben drei Türme und zwei Flugzeuge, WTC 7 fällt symmetrisch, es war Feuer oder Sprengung», sagte Daniele Ganser.

Kein Beleg für Sprengthese

Was er verschweigt, ist, dass die Feuerthese im Gegensatz zur Sprengthese wissenschaftlich breit abgestützt ist. Nebst dem Untersuchungsbericht der Bundesbehörde National Institute of Standards and Technology (Nist) existieren mehrere unabhängige wissenschaftliche Studien, welche die Ergebnisse des Nist bestätigen: Brände auf mehreren Stockwerken, ver­ursacht durch Trümmerteile der Twin Towers, lösten eine Kettenreaktion aus, die zum Einsturz führte. Keine geprüfte wissenschaftliche Studie kommt zu einem anderen Ergebnis.

Ganser liefert keine Belege für die spekulativen Erklärungsansätze, die er wohlwollend präsentiert. Er pickt sich vermeintliche Ungereimtheiten heraus, sät Zweifel und überlässt die Interpretation dem Zuschauer. Zum Beispiel erklärt er nicht, was die Gründe sein könnten, weshalb die britische TV-Institution BBC am 11. September den Einsturz von WTC 7 zu früh vermeldete. «Die Journalistin berichtet über den Einsturz, und das Gebäude ist hinter ihr zu sehen – das geht natürlich gar nicht», sagt Ganser.

Chaotische Informationslage

Steckte die BBC mit den Verschwörern unter einer Decke? Zu diesem Schluss könnte der Zuhörer nach Gansers Aus­führungen gelangen. Doch was ist plausibel? Eine Erklärung für den peinlichen Fauxpas, für den sich die BBC entschuldigte, findet, wer sich die Stellungnahme des damaligen New Yorker Feuerwehrchefs Daniel Nigro anschaut: Er schrieb in seiner Erklärung, dass er wegen der Schäden am Gebäude drei Stunden vor dem Einsturz die komplette Evakuierung des WTC 7 befohlen habe.

Damit bestätigte er, dass die Behörden schon früh davon ausgingen, dass das Gebäude einstürzen wird. Ausserdem ist zu bedenken, wie chaotisch die Informationslage am 11. September war. Somit liegt der Fehlinformation wohl eine Kommunikationspanne zugrunde.

Die DNA lag vor

Ganser suggeriert in seinen Vorträgen, dass Terroranschläge inszeniert werden. Zu 9/11 fragt er: «Wie wissen wir, dass es Muslime waren?», und zeigt dann das Bild der Trümmer der Twin Towers, wo der Pass von einem der Terroristen gefunden wurde. Was Ganser nicht sagt, ist, dass die Überbleibsel der meisten 9/11-Attentäter identifiziert werden konnten: Ihre Knochenspuren, gefunden in den Trümmern, wurden mit DNA-Spuren abgeglichen, welche die «Hijacker» in Hotelzimmern und andernorts hinter­lassen hatten.

Die Attentäter erschienen zudem auf den Passagierlisten der Flüge, und ihre jihadistischen Absichten sind gut dokumentiert.

Wenn alles inszeniert und erlogen wäre, dann müssten Hunderte Verschwörer beteiligt sein. Doch Ganser erklärt nicht, wie eine solche gigantische Vertuschungsaktion in Zeiten von Wikileaks jahrelang geheim gehalten werden könnte.

Wenige Tage nachdem der obige Text zusammen mit einer Reportage über den Ganser-Vortrag in Thun in einer Schweizer Zeitung publiziert wurde, veröffentlichte Ganser auf seiner Facebook-Seite eine Replik:

Am 19. Mai 2017 habe ich am schönen Thunersee einen Vortrag gehalten zum Thema Imperium USA. Die lokale Zeitung Thuner Tagblatt schickte den Journalisten Christoph Kummer zum Vortrag. Dieser veröffentlichte am 3. Juni diesen Bericht:
https://www.danieleganser.ch/assets/files/Inhalte/Rezensionen/Vortraege/Berner%20Oberlaender%20(2017)%20-%20Das%20Geschaeft%20mit%20dem%20Zweifel.pdf

Wer den Text genau durchliest, erkennt schnell, dass Kummer auch gegen Angriffskriege ist und die Bombardierung von anderen Ländern durch die USA durchaus kritisch sieht, wie viele in der Schweiz. Einen Teil meines Vortrages fand er toll. Doch beim Thema 911 ist er, wie schon die Journalisten Projer und Schawinski in der Fernsehsendung Arena vor einigen Monaten, völlig irritiert. Auch Kummer will keine neuen Fragen zu WTC7 zulassen und schon gar keine ergebnisoffene Diskussion zwischen den Thesen Sprengung und Feuer. Für ihn steht fest: WTC7 fiel wegen Feuer, Zweifel sind unerwünscht. Kummer greift zum Kampfbegriff „Verschwörungstheorien“ und erklärt, er habe meine Aussagen zu 911 „unter die Lupe genommen“. Wer aber seinen Text „Wie Daniele Ganser Spekulationen Tür und Tor öffnet“ liest kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Daher hier meine Replik in 6 Punkten:

1. Kummer behauptet zu WTC7, die „Feuerthese sei im Gegensatz zur Sprengungsthese wissenschaftlich breit abgestützt“ und verweist auf den NIST Bericht von 2008. Doch genau diese Studie ist in der Wissenschaft stark umstritten. Prof. David Ray Griffin hat in seinem Buch „The Mysterious Collapse of World Trade Center 7: Why the Final Official Report about 9/11 is Unscientific and False“ schon 2009 gezeigt, dass der NIST Bericht unglaubwürdig ist. Wenn der Journalist Christoph Kummer die Fachliteratur aus den USA nicht kennt oder keine englischen Texte lesen will, sollte er sich hüten zu behaupten, es gebe keinen Grund die Feuerthese zu hinterfragen.

2. Kummer behauptet: „Brände auf mehreren Stockwerken, verursacht durch Trümmerteile der Twin Towers, lösten eine Kettenreaktion aus, die zum Einsturz von WTC7 führte. Keine geprüfte wissenschaftliche Studie kommt zu einem anderen Ergebnis.“ Auch das stimmt nicht. Das Gegenteil ist wahr. Über 2500 Architekten der Vereinigung Architects and Engineers for 911 Truth (AE911Truth) bezweifeln die Feuerthese. Dr. Leroy Hulsey von der Universität Alaska lehnt die Feuerthese ab, und er ist der führende Forscher zum Thema WTC7 in den USA und hat das ganze Gebäude WTC7 im Computer nachgebaut. Wie kann eine Lokalzeitung in der Schweiz diese Daten einfach ignorieren?

3. Kummer behauptet es gebe keine ehrlichen Wissenschaftler, die den Einsturz von WTC7 hinterfragen. Das stimmt nicht. Und die vom Journalisten angewandte Technik ist einfach: Er erwähnt die kritischen Studien und Bücher zu WTC7 einfach nicht und behauptet (oder glaubt vielleicht selber) es gäbe sie nicht. So erfahren die Leser vom Thuner Tagblatt auch nichts von der Studie von Dr. Steven Jones und Prof. Robert Karol, die unter dem Titel „On the Physics of high-rise building collapses“ 2016 publiziert wurde. Die Autoren sagen klar, dass ein Feuer noch nie den Einsturz von Stahlgebäuden verursacht hatte und dass die Sprengungsthese wahrscheinlicher als die Feuerthese sei. Die Studie wurde von „Europhysics News“ publiziert, dem Fachblatt der European Physical Society. Wenn Journalist Kummer die Forschung zu WTC7 tatsächlich „unter die Lupe genommen“ hat wie er behauptet, dann hätte er diese Studie lesen und erwähnen müssen.

4. Kummer macht sich keine Sorgen um die Qualität der Medien. Dass der Einsturz von WTC7 von BBC am 11. September 20 Minuten zu früh vermeldet wurde, also Fake News, sieht Kummer nicht als Problem. Man müsse bedenken, „wie chaotisch die Informationslage am 11. September war“, das sei halt eine „Kommunikationspanne“ gewesen.

5. Kummer behauptet, die „Attentäter erschienen auf den Passagierlisten der Flüge“. Wie Forscher Elias Davidsson nachgewiesen hat stimmt das nicht, wobei es auf das kleine Wort „beglaubigte“ Passagierlisten ankommt. Die US Behörden haben bis heute keine beglaubigten Passagierlisten der vier Flüge vorgelegt. Auch die Fluggesellschaften (American & United Airlines) haben sich gegenüber Elias Davidsson geweigert die Existenz von echten Passagierlisten zu bestätigen. In seinem Buch „Psychologische Kriegsführung und gesellschaftliche Leugnung“ (Zambon 2017, S. 82-86) erklärt Davidsson die fehlenden Passagierlisten und die Versuche diese Tatsache zu vertuschen. Unsignierte Computerprints, die als Passagierlisten herumgeistern, gibt es. Aber der Knackpunkt hier ist das Fehlen von beglaubigten Passagierlisten.

6. Kummer behauptet, die Attentäter seien identifiziert worden. „Ihre Knochenspuren, gefunden in den Trümmern, wurden mit DNA-Spuren abgeglichen, welche die Hijacker in Hotelzimmern hinterlassen hatten.“ Erneut ignoriert Kummer die 911 Forschung von Elias Davidsson, der zum Schluss kommt, dass die US Behörden keinen einzigen der 19 mutmaßlichen Attentäter durch DNA identifizieren konnten. Dies hätte Kummer zumindest erwähnen müssen, um dem Leser die Breite der 911 Debatte und die offenen Fragen zu zeigen.

Ich antwortete ihm in einer E-Mail und auf seiner Facebook-Seite wie folgt:

Herr Ganser, besten Dank für Ihre ausführliche Replik.
Ich werde mich eher kurz fassen, da ich nicht die Hoffnung habe, dass wir auf einen gemeinsamen Nenner bei diesen Fragen zu 9/11 kommen werden.
Zuerst eine Vorbemerkung: Das vordergründige Ziel für den Zweittext, den Sie hier kritisieren, war es, Ihre Vorgehensweise beim Präsentieren von alternativen Erklärungsansätzen aufzuzeigen: Wie Sie selektieren, wie Sie Wichtiges weglassen, wie sie Plausibles ignorieren und grosse Verschwörungen suggerieren. Hätte ich jeden einzelnen Ihrer Punkte im Detail betrachten und analyisieren wollen, hätte ich wohl eine ganze Seite gebraucht.
Nun zu den einzelnen Punkten:
1. Die offizielle Al-Kaida-These ist in der Wissenschaft generell nicht umstritten, sie ist bei einem relativ kleinen, immer dieselben Personen umfassenden Kreis umstritten. Der Rest der Geschichtswissenschaft streitet nicht um 9/11, oder zumindest nicht um die von Ihnen und anderen Truthern aufgeworfenen Fragen. Griffin ist ein Theologe, der denkt, dass die USA von einem bösen Dämon unterwandert ist. Ähnliche ideologische Verhaftungen/Motive finden sich bei fast allen Truther-Akademikern – so auch bei Ihnen, Herr Ganser. Stellt sich die Frage, wie objektiv man so an eine Kontroverse herangehen kann.
2. Ihre Behauptung ist falsch. Meine Aussage aus dem Text stimmt. Zeigen Sie mir eine peer-reviewed Publikation in einem Journal (das ist der Standard der Wissenschaft), welche die Feuerthese bei WTC 7 kritisiert. Alles was Sie haben sind die Architects und Engineers, die wie Sie vor allem durch publikumswirksame Vortragsreihen statt wissenschaftlicher Arbeit auffallen. Noam Chomsky sagte es einst richtig: Wenn die Sprengthese-Verfechter gutbegründete Kritik haben, dann sollen sie sie innerhalb der Wissenschaftsgemeinde einbringen – das ist bis heute nicht geschehen. Zu Hulsey gibt es einige grosse Probleme: Erstens hat er seine Forschungsergebnisse vor Beendung seiner Studie (mündlich) veröffentlicht – was extrem unüblich ist. Zweitens heisst es nicht, dass nur weil die NIST-Version eventuell so im Detail nicht hundertprozentig stimmt, es zwingend Sprengung gewesen sein muss (was Hulsey behauptet). Drittens ist seine Studie noch nicht veröffentlicht worden. Es gibt also keine Daten, die ich als Journalist hierzu verwenden könnte, und ich bezweifle stark, dass die Arbeit in einer Fachzeitschrift veröffentlicht wird – es wird wohl eher ein Peer Review im Kreis seiner Architects and Engineers-Freunde.
3. Das behaupte ich gar nicht – wieder eine Verdrehung der Tatsachen. Klar, es gibt „ehrliche“ Wissenschaftler, die den Einsturz hinterfragen. Nur was ist ihre Einschätzung Wert rsp. was sagt die überwiegende Mehrheit?
4. Hierzu ist von meiner Seite alles gesagt. Warum ist die BBC-Sache in Ihren Augen relevant? Weil sie Fake News nachweist? Kommen Sie, das kommt doch in dieser Art bei jeder Berichterstattung von Grossereignissen vor.
5 und 6. Hier stellt sich die Frage, wem man glaubt. Wenn man Ihrer Einschätzung glaubt, so müssten Hunderte Personen konspiriert haben, um das alles zu fälschen. Und das ist höchst unrealistisch.
Noch ergänzend ein Link zu Elias Davidsson, den ich tatsächlich vorher nicht gekannt habe. Jetzt weiss ich auch wieso: Der israelisch-isländische Komponist (!) bezeichnete sich einst selbst als „radikaler Antisemit“. Es ist mit schleierhaft, wie Davidsson als zuverlässige Quelle angegeben werden kann. Hier die weiteren Infos: https://www.psiram.com/de/index.php/Elias_Davidsson

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