«Immer mysteriöser»: Die seltsamen Aspekte des Bigfoot-Phänomens, Teil 1

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Vieles an Bigfoot macht keinen Sinn, allein der Umstand, dass ein zwei- bis drei Meter grosser Menschenaffe nicht dokumentiert werden kann, obwohl viele Menschen mit modernster Technologie nach ihm suchen. Sein Lebensraum ist nicht völlig fernab der Zivilisation, sondern in teils viel frequentierten Wäldern. Forscher suchen nach Erklärungen. Steht Bigfoot vielleicht in Zusammenhang mit Ufo- und Gespenster-Erscheinungen?

Warum ist bis heute kein Bigfoot nachweislich von einem Auto angefahren worden? Warum stehen alle Bigfoots, die von vermeintlich tödlichen Projektilen getroffen werden, auf wundersame Weise wieder auf? Und warum verschwinden scheinbar getötete Bigfoots immer unter mysteriösen Umständen?

Wir haben bis auf den Patterson-Film aus dem Jahr 1967 keine guten Filmaufnahmen. Warum gibt es keine Bilder von Kamerafallen, von denen wohl tausende in den Wäldern Nordamerikas durch Jäger, Wildhüter und Biologen installiert worden sind? Warum haben wir keine Knochen gefunden, und warum geben die DNA-Spuren, die gefunden werden, immer nur zweifelhafte Informationen preis? Warum bleibt es stets bei Berichten, bei Zeugenaussagen?

Es ist tatsächlich schwer zu glauben, dass in der heutigen Zeit eine unbekannte Menschenaffen- oder Hominidenart jahrzehntelang seiner Entdeckung entgehen kann.

Einige der Forscher, die sich mit Bigfoot auseinandersetzen, suchen deshalb nach alternativen Erklärungen.

Ungewöhnliche Ansichten

Diese Menschen vermuten, dass der Bigfoot über spezielle Kräfte verfügt und deshalb unfassbar bleibt. Sie behaupten, er könne sich in Luft auflösen und sei im Stande, auf telepathischem Wege mit Menschen zu kommunizieren.

Einige glauben, es handle sich um ausserirdische Wesen oder um solche, welche aus unerfindlichen Gründen zwischen den Dimensionen hin- und herspringen könnten. Einige sehen in ihnen ein geheimes Experiment des US-Militärs, andere, die christlich-geprägten, betrachten sie als Dämonen oder gefallenen Engel, welche sich mit Menschenfrauen fortpflanzen und alles andere als gute Absichten hegen.

Ist das alles Spinnerei oder sind diese Menschen womöglich näher bei der Wahrheit als die Vertreter der Affen-Hypothese?

Lovecraft und die «Alten»

Diese alternativen Ansichten sind kein neues Phänomen.

Der Zusammenhang von Bigfoot und paranormalen Erscheinungen ist seit Jahrzehnten von verschiedenen Leuten gemacht worden. 1924 machte etwa die Geschichte von Fred Beck die Runde. Der Bergarbeiter aus Oregon behauptete in seinem Buch I fought the Apeman creature of Mount St Helens, dass er und seine Kollegen während eines Aufenthalts in einer abgelegenen Hütte am Mount St. Helens von einer Gruppe Affenmenschen angegriffen worden seien. Beck beschrieb die Kreaturen als mystische Wesen aus einer anderen Dimension und erklärte, er habe sein ganzes Leben lang psychische Vorahnungen und Visionen erlebt.

Nebst solchen Berichten trug vor allem die Populärkultur dazu bei, dass die Verbindung zwischen Bigfoot und dem Übersinnlichen zu einer Konstanten wurde.

Bereits der bekannte Horror-Schriftsteller Howard P. Lovecraft schrieb in seinem 1936 erschienenen Werk Berge des Wahnsinns über Alien-Rassen, welche sich primitive affenhafte Säugetiere schufen und als Haustiere hielten. In seiner Geschichte The Dunwich Horror von 1929 beschrieb er die Alien-Götterrasse der «Old Ones», der Alten, deren Züge man heute unweigerlich mit Bigfoot-Merkmalen in Verbindung bringen würde: Dass sie oft nur durch ihre Fusspuren auffielen, dass sie übelriechend seien und nach Belieben verschwinden könnten.

«Das Ganze wurde immer mysteriöser»

Viele Vertreter des so genannten «paranormal camp», wie diese Denkschule genannt wird, sind intelligente, bodenständige Menschen. So auch David «D.B.» Donlon, der Blogger, dem wir im Text über das Erickson-Projekt begegnet sind. Donlon gab im Jahr 2010 seinen Rücktritt aus der Bigfooter-Community bekannt. Damals nannte er als Grund für seinen Ausstieg, dass er der Lösung des Rätsels in den sechs Jahren, in denen er es untersucht habe, nicht näher gekommen sei – im Gegenteil: Das Ganze sei um einiges mysteriöser geworden.

Donlon startete als skeptischer Forscher, der der Ansicht vertrat: Bigfoot ist, wenn es in überhaupt gibt, eine unentdeckte Menschenaffenart. Doch seine Meinung änderte sich im Laufe der Jahre. Er interviewte Zeugen, tauschte sich mit anderen Bigfootern aus und machte seine eigenen Erfahrungen. «Ich bezweifle stark, dass ich jemals herausfinden werde, was dahinter steckt», schrieb er in seinem Abschiedseintrag auf seiner vielbeachteten Website The Blogsquatcher.

Er erzählte unter anderem von telepathischen Botschaften, die ihm ein Bigfoot übermittelt habe. Darin habe die Kreatur ihm Dinge über sein eigenes Leben erzählt, die «niemand wissen konnte».

Erfolglose Suche trotz Millionen-Budget

Ein anderer Aussteiger, der ebenfalls glaubwürdig und reflektiert rüberkommt, ist Henry Franzoni. Er ist ein Pionier der Bigfoot-Forschung: Er ist der erste, der in den 90er-Jahren eine Online-Diskussionsplattform zum Thema aufbaute. Zudem war er Mitglied der Organisation Bigfoot Research Project, einem Verein unter der Leitung des irischen Abenteurers Peter Byrne, der von einer Stiftung fünf Millionen US-Dollar zur Verfügung gestellt bekam, um nach Bigfoot zu suchen.

Doch der Gruppe gelang es in den fünf Jahren ihres Bestehens nicht, auch nur ein einziges bedeutendes Fundstück sicherzustellen. Keine Videoaufnahme, keine Haare, keine Knochen, nichts. Dies war mit ein Grund, weshalb Henry Franzoni alternative Erklärungsansätze suchte.

Der Mann aus Oregon, der einst auch für die US-Regierung als Fischereiaufseher arbeitete, schwieg jahrelang über die seltsamen Aspekte des Bigfoot-Phänomens, bis er 2008 ein Buch mit dem Titel In the Spirit of Seatco veröffentlichte. «Man wurde für verrückt erklärt, wenn man über solche Dinge sprach, selbst unter Bigfoot-Forschern», sagte mir Franzoni. «Heute ist es anders, viele denken ähnlich wie ich.»

Er berichtete mir von Begegnungen mit Bigfoot, die tatsächlich unglaublich klingen. Etwa von einem Bigfoot, der auf unerklärliche Weise den Motor seines Wagens zum Erliegen gebracht habe. «Er hat irgendwie das elektrische Feld manipuliert. Mir standen sprichwörtlich die Haare zu Berge», gab Franzoni zu Protokoll.

«Wie eine gigantische Stimmgabel»

Ein weiterer glaubwürdiger Verfechter der Paranormal-These ist Ron Morehead, der die so genannten Sierra Sounds (siehe Artikel Unsere versteckten Verwandten) aufgezeichnet hat. Der Abenteurer und Unternehmer aus Oregon hat sich in den letzten Jahren zunehmend der Erforschung von Ufo-Phänomenen gewidmet.

Morehead hat berichtet, dass er auf seinen Ausflügen in die Sierra Nevada in den USA bisweilen seltsame Dinge gesehen habe. Kleine, schwebende Lichtobjekte – so genannte Orbs – hätten sich über die Bäume und an den Klippen entlang bewegt. Mehrmals habe er ein dröhnendes, vibrierendes Geräusch am Himmel vernommen, als habe jemand «eine gigantische Stimmgabel angeschlagen». Und einmal in der Nacht, als er sich einem Bigfoot nähern wollte, sei er plötzlich auf unerklärliche Weise erstarrt, als ob der Bigfoot eine unsichtbare Wand vor ihm aufgebaut hätte.

Richard Germeau

Von seltsamen Erfahrungen im Zusammenhang mit Bigfoot berichtete mir auch Richard Germeau. Er war es, der mir die Augen gegenüber diesem Aspekt des Phänomens öffnete.

Der Bigfoot-Forscher, der unweit der Millionenstadt Seattle an der US-Pazifikküste lebt, ist selbst innerhalb der Bigfooter-Community weitgehend unbekannt. Dies erstaunt, denn er war es, der die meisten Proben für die 2013 veröffentlichte Ketchum-DNA-Studie sammelte. Er stellte 2008 zusammen mit Derek Randles das Olympic Project auf die Beine – ein Projekt auf der Olympic-Halbinsel in Washington State, das anfangs zum Ziel hatte, mittels Kamerafallen gute Fotos von Bigfoots zu schiessen, dann aber mehr auf das Sicherstellen von Bigfoot-DNA fokussierte.

Germeau arbeitete jahrelang als Polizist. Im Jahr 2000 sah er zum ersten Mal einen Bigfoot. Er sei Patrouille gefahren, als ein Bigfoot vor ihm die Strasse überquert habe.

«Ich nahm etwas wahr, das nicht real sein sollte, doch es war auf einmal da. Es befand sich etwa 50 bis 70 Meter vor mir, lief in vier Schritten über die Strasse», erzählte mir Germeau im Jahr 2015. «Seine Art zu gehen war sehr unmenschlich, obwohl es sehr menschenähnlich aussah. Es war sehr gross, ich schätze ungefähr zweieinhalb Meter. Sein einfarbiges Fell war ziemlich dick und buschig. Ich war jedoch nicht nah genug, um Details zu erkennen. Es war mir unmöglich, es als etwas anderes als einen Bigfoot zu identifizieren.»

Bald nach dieser Begegnung begann Germeau, nach Bigfoot zu suchen. Anfangs glaubte er, einer unbekannten Grossaffenart auf der Spur zu sein. Doch als über Jahre hinweg keine seiner zahlreichen Fotofallen ein Bild eines Sasquatch produzierte und seine Sichtungen zunehmend seltsame Züge annahmen, begann er, die Affen-Hypothese zu hinterfragen.

Besonders ein Erlebnis im Jahr 2010 habe ihn zum Umdenken gebracht.

Eine unheimliche Begegnung

«Was sich ereignete, war folgendes. Wir hatten ein Beobachtungsgebiet gesichtet auf Harstine Island in Manson County, und da ich ganz in der Nähe wohne, führte eins zum anderen», begann Germeau zu erzählen.

«Diese Leute waren in das Haus gezogen und begannen diese Interaktionen mit Bigfoots zu haben. Meistens wurden die Kreaturen gesehen, wenn sie die Strasse überquerten. Über zehn Jahre hinweg wurden zwölf Beobachtungen gemacht. Lange Rede kurzer Sinn: Wir hatten am Ende einige Haarproben und ein paar Fussabdrücke. Die Einwohner des Hauses machten noch einige weitere Beobachtungen und zogen schliesslich aus. Also beschlossen wir kurzerhand, das Haus für sechs Monate zu mieten. Doch – keine Ergebnisse. Also gaben wir auf. Es schien nicht zu funktionieren, also verliessen wir den Ort.»

Er habe einige Monate gewartet und sei dann auf eigene Faust zurückgekehrt. «Ich fing wieder an, Kameras zu installieren. Ich ging routinemässig dreimal die Woche an diesen Ort, um die Kameras zu überprüfen und mich umzusehen. Ich streifte nur umher und überprüfte meine Kameras. Aber noch immer war alles beim Alten, nichts änderte sich. Doch dann, im November, der elfte, um genau zu sein, war ich zufälligerweise an der Küstenseite des Ortes und hatte die Schlüssel zu meinen Kameras mit dabei. Es war bewölkt, ein wenig regnerisch. Das Merkwürdige an jenem Tag war, dass ich ein komisches Gefühl hatte.»

Germeau beschrieb das Gefühl: «Es war, als würde mir jemand sagen: Geh nach Hause, du solltest nicht hier sein, hier ist etwas, über das du nichts weisst. Ich kann es nicht erklären, es war ein Gefühl voller Furcht.»

Er ignorierte es aber und begann, die Fotofallen zu überprüfen. «Ich meinte, einen Fussabdruck direkt neben der Kamera zu erkennen, aber ich war mir nicht ganz sicher. Ich hatte noch immer dieses mulmige Gefühl, das von Minute zu Minute stärker wurde. Ich stapfte zur nächsten Kamera und überprüfte auch diese, und auch die nächste nahm ich noch unter die Lupe. Zu der Zeit fühlte ich mich wirklich unwohl. Ich beschloss, nur noch diese eine Kamera zu prüfen, weil sie nahe an der Strasse war, weswegen ich mich durch die Möglichkeit auf eine schnelle Flucht sicherer fühlte.»

Germeau kam also bei der letzten Kamera an und kramte nach seinen Schlüsseln, damit er das Gehäuse öffnen konnte. «Also suchte ich aus 25 kleinen Schlüsselchen den Richtigen heraus, was mich natürlich Zeit kostete. Und während ich so da stand und mit den Schlüsseln beschäftigt war, hörte ich plötzlich ein Geräusch. Es hörte sich an, als würden Äste unter Gewicht brechen, knack, knack, knack, es kam aus unmittelbarer Nähe. Doch in die Richtung, aus der ich es vernahm, konnte ich etwa achtzig, neunzig Meter weit sehen – ich erkannte überhaupt nichts Ungewöhnliches. Ich sah ein Bächlein und ein paar verhangene uralte Bäume, mehr nicht.»

«Ich war also immer noch am Schlüssel ausprobieren und verfolgte diese Geräusche, als ich immer mehr das Gefühl bekam, mein Leben würde hier enden und es nichts gab, was ich dagegen hätte tun können», sagte er. «Ein wirklich unbehagliches Gefühl, und seither hatte ich es auch nie mehr. Es war überwältigend, als würde von irgendwoher eine Energie ausgestrahlt, die mich richtig schlecht fühlen liess. Als würde alles hier enden. Als würde ich in ein dunkles Loch gezogen und für immer verschwinden. Ich dachte mir nur noch: Ich muss verdammt nochmal hier raus! Wenn du jetzt nicht sofort hier weg kommst, wirst du sterben.»

Germeau kam schliesslich zum richtigen Schlüssel und steckte ihn ins Gehäuse der Kamera. «Ich presste den Knopf, zog die Karte heraus, schaltete das Gerät für einen Moment aus, legte eine neue Karte hinein und aktivierte es wieder. Jetzt musste ich einige Sekunden warten, damit sie sich neu konfigurieren konnte. Dann plötzlich, direkt vor mir, höre ich ein lautes Stöhnen und Schnauben. Ich war wie versteinert und wusste bereits, dass es kein Bär war, weil ich in dieser Gegend seit Jahren schon Kameras platziert und kein einziges Mal einen Bären fotografiert hatte. Als ich aufschreckte, sah ich etwas vor mir stehen, direkt neben dem Ahornbaum. Als ich meinen Kopf hob, konnte ich es aus dem Blickwinkel sehen. Als ich meinen Kopf noch etwas weiter hob, duckte es sich und versteckte sich hinter einem Strauch. Es war aufrecht und auf zwei Füssen. Ich hatte den Eindruck, dass es mich direkt ansah.»

Dann plötzlich sei die Kreatur in hohem Tempo weggerannt und verschwunden. «Ich wollte auf der Stelle weg von dort. Ich hatte den Eindruck, das Ding würde mich flankieren, weil es in dieselbe Richtung verschwunden war, in der mein Wagen stand. Ich riss mich so lange am Riemen, bis sich die Kamera neu gestartet hatte, dann machte ich mich auf und davon. Als ich beim Auto ankam, war ich beinahe am hyperventilieren. Ich brach in Tränen aus und machte mich auf den Nachhauseweg. Zuhause fragte mich meine Frau, was mit mir los sei. Ich erzählte ihr alles. Ich rief ein paar Leute an und erzählte auch ihnen, was geschehen war. Ich war noch immer am Durchdrehen und wollte alles hinschmeissen.»

Doch damit endet Germeaus Geschichte nicht. «Zwei Monate nach diesem merkwürdigen Ereignis erwachte ich jede Nacht um dieselbe Zeit aus dem Tiefschlaf und fühlte eine merkwürdige Bestimmtheit in meinem Bewusstsein», sagte Germeau. «Es waren keine Stimmen, aber dennoch fühlte es sich an, als würde mir jemand sagen, ich solle die ganze Sache besser sein lassen. Die Aktionen mit den Kameras abbrechen und einfach aufhören mit der ganzen Untersuchung. Keine Konsequenzen oder Gründe wurden erläutert, nichts. Das war alles. Es war noch da, als ich am Morgen aufwachte. Einfach nur diese Nachricht, direkt in meinem Gesicht. Ich kam sogar an den Punkt, wo ich versuchte, zu antworten, doch es kam keine Reaktion zurück. Nichts. Das passierte jeden Tag für mehrere Monate. Und ich hörte auf die Botschaft. Ich habe mich seither fast gänzlich aus der Bigfoot-Forschung zurückgezogen.»

Vom Mainstream ignoriert

Diese «paranormalen» Berichte gehen unter. Sie werden häufig von den Mainstream-Forschern unter den Tisch gewischt. Der Anthropologe Jeff Meldrum und der Biologe John Bindernagel tun sie als Spinnereien ab und behaupten, sie würden der Bigfoot-Forschung nur schaden. Ihre Haltung ist durchaus verständlich: Ein Rätsel mit einem anderen Rätsel lösen zu wollen, ist nicht nur unwissenschaftlich, sondern verleitet auch zu unkritischem Denken und wohl letztendlich zu Resignation. Es verunmöglicht zudem die Akzeptanz bei Wissenschaftlerkollegen.

Die Hypothese, dass Bigfoot ein unbekannter Menschenaffe oder Hominide darstellt, ist eine Hypothese, mit der man als Wissenschaftler arbeiten kann und die – wenn auch auf viel Skepsis – zumindest auf Akzeptanz bei Forscherkollegen stossen kann. Die Hypothese hingegen, dass Bigfoot ein Ausserirdischer ist oder aufgrund von übersinnlichen Kräften unentdeckt bleiben kann, hat zwangsweise Gelächter und Zurückweisung als Reaktion zur Folge.

Zur Verteidigung von Meldrum und Bindernagel muss auch betont werden, dass nicht alle Forscher diese seltsamen Erfahrungen machen. Wie kann man sich das erklären? Warum geschehen bei Forschern wie Germeau oder Donlon seltsame Dinge, bei anderen jedoch nicht? Sehen sie nicht dasselbe Phänomen? Gibt es verschiedene Versionen von Bigfoot – einen echten und eine Phantomversion, einen «Parabigfoot»? Bekommen nur gewisse Menschen die paranormalen Eigenschaften Bigfoots zu spüren, so wie nur gewisse Menschen stärker auf Wettereinflüsse reagieren als andere? Oder stecken bei denen, die sie berichten, doch psychologische Ursachen dahinter?

Das Problem mit den leuchtenden Augen

Ich habe hier die Frage untersucht, ob es sich bei Bigfoot um einen Menschenaffen oder um einen so genannten Hominiden handelt. Ich kam zum Schluss, dass die Mehrheit der Indizien für einen fortgeschrittenen Hominiden sprechen: Vor allem die menschenhafte Sprache und die anatomischen Merkmale. Doch wie angetönt, passt vieles trotzdem nicht. Zum Beispiel, dass er offenbar trotz der Sprache nicht über eine fortgeschrittene Kultur und Technologie wie wir Menschen verfügt, dass seine anatomischen Merkmale wie die Hände eher affenhaft sind und dass es auch Berichte gibt, wonach sich Bigfoots zwischenzeitlich auf allen Vieren fortbewegen. Weiter gibt es zahlreiche Berichte über leuchtende Augen.

Reflektierende Augen kommen im Tierreich vor, man denke an die Katzen, deren Augen im Scheinwerferlicht unserer Autos aufleuchten. Doch Menschenaffen und Menschen verfügen nicht über die anatomischen Voraussetzungen dafür. Dies sagte mir der US-Primatologe und Bigfoot-Forscher Esteban Sarmiento. Deshalb würden leuchtende Augen bei Bigfoot schlicht keinen Sinn ergeben.

«Diese Reflektion wird bei Säugetieren durch eine Membran hinter der Netzhaut hervorgerufen», sagte mir Sarmiento. «Diese Membran fehlt bei den Primaten, ob nun tag- oder nachtaktiv. Falls Bigfoot ein Primate und naher Verwandter des Menschen ist, wäre reflektierendes Augenlicht sehr unwahrscheinlich.»

Zudem berichten Bigfoot-Forscher häufig von Augen, die von selbst, also ohne Lichtquelle geleuchtet hätten – was diese angebliche Eigenschaft vollends unerklärlich macht.

Bigfoots in England?

Nebst den leuchtenden Augen gibt es für mich vor allem zwei Merkmale des Bigfoot-Phänomens, welche für die These des «paranormal camp» sprechen und somit dafür, dass der Bigfoot keine biologische Spezies ist und eher in Zusammenhang mit anderen paranormalen Phänomenen steht.

Erstens sind Bigfoots scheinbar überall. Es gibt Berichte von allen Kontinenten dieser Erde. Der amerikanische Bigfoot ist vielleicht die am häufigsten gesichtete Variante, aber es gibt sie überall, teils auch in dichtbesiedelten Regionen. Sie heissen nur anders.

Der Yeti ist allen bekannt. Er soll in Zentralasien leben und manchmal die schneebedeckten Gebirge überqueren, wo auch schon Spuren fotografiert wurden. Daneben gibt es den Yeren in China, der die Shennongjia-Wälder der Provinz Hubei durchstreifen soll. In Australien wird vom Yowie berichtet, der vor allem in den Blue Mountains unweit der Stadt Sidney gesichtet wird.

Zudem soll auf der Insel Sumatra in Indonesien ein Mini-Bigfoot, der Orang-Pendek, leben, der auch schon von Biologen beobachtet worden sein soll. In Pakistan geht die Legende vom Barmanu um, einem neandertalerhaften Geschöpf, nach dem der spanische Zoologe Jordi Magraner jahrelang suchte. Und auch in Afrika soll es unbekannte Affenmenschen geben, glaubt man den Aufzeichnungen des belgischen Kryptozoologie-Urvaters Bernard Heuvelmans.

Und Europa? Wer glaubt, dass hier keine Bigfoots gesichtet werden, der irrt. So will im Jahr 2004 ein Soldat in den Bergen des Kosovo einen behaarten, nackten Hominiden gesehen haben. In den 70er-Jahren gab es glaubwürdige Sichtungen von Affenmenschen in den Pyrenäen in Spanien. Und jüngst wurde aus Grossbritannien Vergleichbares gemeldet. Doch wie sollte eine Population von grossen Menschenaffen oder Hominiden unentdeckt auf dieser doch sehr dicht besiedelten Insel existieren können? Das ist schlicht unmöglich.

Ein englischer Kryptozoologe namens Adam Davis hat sich mit dem englischen Bigfoot-Phänomen auseinandergesetzt. Ich fragte ihn 2015, was er davon hält. Ob nicht doch alles Fälschungen und Fehldeutungen seien. Doch Davies ist überzeugt, dass ein Teil der Sichtungen in England authentisch ist. Unter anderem berichtete er mir, dass er selbst ungewöhnliche Geräusche, darunter wood knocks, im Harwood-Wald in Nordengland gehört habe. Gar eine Sichtung verzeichnete ein anderer englischer Kryptozoologe: Jonathan Downes, der das Center of Fortean Zoology führt. Er beobachtete nach eigenen Angaben eine grosse, affenhafte Gestalt in der Nähe des Bolam-Sees, der sich nur wenige Kilometer von der Grossstadt Newcastle entfernt befindet.

«Du bist nicht willkommen hier!»

Der zweite Grund, weshalb womöglich alternative Thesen zu bevorzugen sind, ist der, dass Bigfoot-Begegnungen sehr oft im Zusammenhang mit anderen, unerklärlichen Phänomenen stehen. Zahlreiche Forscher behaupten, Ufos und andere Lichtphänomene beobachtet zu haben, kurz bevor oder nachdem sie einen Bigfoot sahen. Beispielsweise auch Thom Powell. Ich traf Powell am Bigfooter-Symposium in Eugene. Er ist Lehrer an einem College und wirkt zumindest auf mich weder wie ein naiver Typ noch wie ein Spinner.

Er berichtet in seinem 2015 erschienenen Buch Edges of Science von rätselhaften Erfahrungen, die er in seinem Forschungsgebiet in Clackamas County in Oregon gemacht habe. Seine Berichte werden von anderen Forschern, etwa Toby Johnson, der das Symposium in Eugene organisierte, gestützt. (Übrigens hat Johnson vor einiger Zeit ein interessantes Video gepostet, in der über diese Erfahrungen spricht. Es kann in der Galerie weiter unten angeschaut werden)

Beide erzählen von seltsamen, grellen Lichterscheinungen vor oder nach Sichtungen oder an Orten, wo auch Bigfoots regelmässig gesichtet werden. Sie berichten – wie Ron Morehead – von unsichtbaren Wänden und von seltsamen Gefühlen kurz oder nach einer Sichtung. Sie berichten wie Richard Germeau von bedrohlichen Botschaften, die sie durch Telepathie empfangen hätten. Botschaften wie «Du bist nicht willkommen hier!» oder «Dir wird etwas Schlimmes zustossen, wenn du dich länger hier aufhältst!» Sie berichten davon, während Spaziergängen im Forschungsgebiet aus unerklärlichen Gründen plötzlich schläfrig oder panisch geworden zu sein.

Das Problem mit der Infraschall-These

Eine oft geäusserte Erklärung für diese seltsamen Empfindungen, welche offenbar durch das Bigfoot-Phänomen verursacht werden, ist Infraschall. Viele Tiere sind in der Lage, Infraschall, also besonders tiefe, für das den Menschen nicht wahrnehmbare Töne auszustossen. So etwa der Elefant. Er nutzt es, um über grosse Distanzen mit Artgenossen zu kommunizieren. Primatologen haben unlängst herausgefunden, dass auch der Gorilla solche Niedrigfrequenztöne ausstossen kann.

Ich korrespondierte eine Zeitlang mit der US-Gorillaforscherin Netzin Steklis, welche mir berichtete, dass sie den Einfluss von Infraschall in der Umgebung von Gorillas wahrnehmen könne. Sie verneinte aber, jemals aufgrund der Töne Halluzinationen oder seltsame Gefühle gehabt zu haben.

Auch Esteban Sarmiento, der mehrmals Feldstudien über den Gorilla tätigte und öfters mit diesen Tieren und auch mit Elefanten zusammentraf, verneinte eine solche Wirkung von Infraschall. «Alle Säugetiere mit einer grossen Ohr-zu-Ohr Distanz sind sensibel gegenüber Niedrigfrequenzen und können sie oft auch erzeugen», erklärte mir der Primatologe. «Da Menschen einen grösseren Ohr-zu-Ohr Durchmesser als Gorillas haben, können sie Töne im Tieffrequenzbereich besser wahrnehmen. Falls Bigfoot einen noch grösseren Kopfdurchmesser als Menschen hat, wäre er noch sensibler.»

Somit sei es möglich, dass der Bigfoot Infraschall wahrnehmen und auch aussenden könne. Doch gemäss Sarmiento könne das nicht die seltsamen Wahrnehmungen von Augenzeugen erklären. «Elefanten sind die besten Beispiele für Tiere, die Niedrigfrequenzen aussenden können, aber ich habe mich in ihrer Nähe nie panisch oder desorientiert gefühlt», sagte er mir.

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Chris Kummer ist langjähriger Journalist aus der Schweiz. Er schreibt für verschiedene Zeitungen und Magazine über unterschiedliche Themen. Er interessiert sich besonders für wissenschaftliche Kontroversen, Zukunftsforschung und Videospiele. Er folgt dem Credo «nichts glauben, alles hinterfragen» und setzt sich für offene und zugleich kritische Untersuchungen ein.

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