Unter Monsterjägern

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Bigfooting, Squatching, Monsterjagd – die Suche nach Bigfoot, dem überaus scheuen Affenwesen, das in den Wäldern der USA und Kanadas hausen soll, hat viele Namen. Doch wer sucht nach Bigfoot und warum? Ich besuchte eine Forscher-Konferenz in Oregon und begleitete einen kanadischen Bigfoot-Jäger in die Wildnis von British Columbia, um mehr über diese Subkultur zu erfahren. Eines wurde schnell klar: Die wenigsten Bigfooter sind Spinner. Stattdessen sind es vielfach sehr skeptische Zeitgenossen. Und sie verbindet vor allem eines: Die Liebe zur Natur.

Alles, was ich erkenne, ist grünes Rauschen. Es liegt über einer nächtlichen Waldlandschaft – einer Lichtung mit hohem Gras, umgeben von mächtigen Tannen. Seit fünf Minuten starre ich nun bereits auf fünf dunkle Flecken auf der Wiese. Sie sind zu weit weg, um zu erkennen, was es ist. Aber etwas scheint sich dort zu bewegen. Ich senke das kleine Nachtsichtgerät, um meinen Augen eine kurze Pause zu gönnen, blinzle ein paar Mal und blicke zum Nachthimmel über mir. Die Sterne funkeln am indigoblauen Himmelszelt. Es ist totenstill und stockdunkel.

Seit Stunden stehe ich nun bereits auf einer Anhöhe in der Wildnis von British Columbia. Vor mir erstrecken sich tausende Quadratmeilen Wald. Ich drehe mich um und blicke zum Lagerfeuer, das rund 30 Meter entfernt lodert. Dort, flankiert von einem Geländewagen und einem Zelt, sitzt ein Mann in einem Campingstuhl. Schweigend, lauschend. Nur das Knistern von Marshmallows ist zu hören, die er über der Glut brät. Der Mann heisst Darcy Stoffregen und ist Monsterjäger. Gemeinsam suchen wir an jenem Wochenende in der kanadischen Wildnis nach Bigfoot.

Plötzlich höre ich ein seltsames Knacken. Zweimal, dreimal. Etwas bewegt sich im Unterholz weiter unten am Abhang. «Darcy!», zische ich aufgeregt. «Ich glaube, dort unten ist etwas…»

Citizen Science

Obwohl sich längst auch Wissenschaftler dem Bigfoot-Phänomen angenommen haben, wird die Suche nach den mysteriösen Affenmenschen noch immer von Amateur-Forschern dominiert. Bigfoot-Forschung ist in Amerika «Citizen Science». Wer nach Yetis oder Sasquatchs sucht, tut dies in seiner Freizeit. Es sind Menschen mit Jobs aller Art, die am Wochenende in die Wälder fahren, um der mysteriösen Kreatur nachzuspüren. So wie andere Leute am Wochenende Ski fahren oder Fussball spielen gehen.

Doch wer sind diese Fährtenjäger, die sich selbst «Bigfooter» nennen? Wer geht in die Wälder, um einer Kreatur aufzulauern, von denen die meisten Menschen behaupten, es gäbe sie gar nicht? Einen Einblick in die Bigfooter-Gemeinde gewann ich bei meinem Besuch eines Informationstreffens in Oregon in den USA. Amateurforscher aus ganz Nordamerika diskutierten zwei Tage lang in einer College-Aula über die verschiedenen Aspekte des Phänomens. Sie hielten Vorträge, tauschten sich über neue Forschungstechniken aus, verkauften Bücher und zeigten Interessierten ihre Gipsabgüsse kurioser Fussabdrücke.

Cowboys und Professoren

Was mir von Beginn weg auffiel, war die äusserst freundliche, zuvorkommende Art der Bigfooter.

Als ich am Kongress ankam, wurde ich von Scott Nelson, einem Sprachexperten der US Navy aus Missouri, herzlich begrüsst. «Du bist extra für diesen Event nach Amerika gekommen?», fragte er lächelnd. Unverzüglich stellte er mich diversen Szene-Persönlichkeiten vor. Darunter auch Bob Gimlin, der 1967 dabei war, als seinem Freund Roger Patterson die ebenso berühmte wie umstrittene Filmaufnahme eines Bigfoots in Kalifornien gelang. Der so genannte Patterson-Film hat für viele Bigfoot-Afficiandos eine fast religiöse Bedeutung. Viele sagen, dass es dieser Film war, der bei ihnen das Interesse an Bigfoot weckte und sie dazu bewog, nach der Kreatur zu suchen.

Die rund einminütige Sequenz zeigt ein scheinbar behaartes, muskulöses Wesen, das einem Bach entlang läuft, sich einmal zum Filmer umdreht und danach hinter Bäumen verschwindet. Der Filmer Roger Patterson ist schon viele Jahre tot. Doch Gimlin, inzwischen über 80 Jahre alt, ist aktiv in der Bigfooter-Commmnty. Er geniesst Legendenstatus. Am Symposium erschien er mit Cowboyhut und einbandagiertem Arm – er sei vom Pferd gefallen, erklärte er mir. Er präsentierte sich als äussert freundlicher und charmanter Zeitgenosse. Er lachte viel, witzelte herum und nahm sich für jede und jeden Zeit, der mit ihm einige Worte wechseln wollte. Immer wieder posierte er für ein Erinnerungsfoto.

Auch andere Bigfooter, die ich traf, waren sehr zuvorkommend. Etwa Chris Minniear aus Oregon, der am Fund der so genannten London-Fussspur beteiligt war. London bezieht sich dabei nicht auf die englische Hauptstadt, sondern auf eine Strasse im Städtchen Cottage Grove südlich von Eugene in Oregon, wo 2012 vermeintlichen Bigfoot-Spuren gefunden wurden. Minniear gab mir Tipps, mit wem ich sprechen könnte, welchen Vortrag ich besuchen sollte und lud mich zum Abendessen in Eugene ein. Weiter machte ich Bekanntschaft mit Steven Streufert aus Nordkalifornien, der im Städtchen Willow Creek einen kleinen Bücherladen mit allerlei Literatur zu Bigfoot und anderen Themen führt und zudem einen lesenswerten Blog schreibt – den «Bigfoot Books Blog».

Sie sind eine bunt gemischte Gruppierung, diese Bigfooter. Ich lernte Lehrer, Krankenpfleger, Bauarbeiter, Schriftsteller, Informatiker und Professoren kennen – aber traf dort kaum jemanden, der jünger als 30 Jahre alt war: Der durchschnittliche Bigfooter ist männlich, zwischen 40 und 60 Jahre alt und der Mittelschicht zuzuordnen. Gemeinsames Merkmal ist ihre Verbundenheit mit der Natur. Bigfooter lieben es draussen zu sein, in der Wildnis zu campen oder auf eigene Faust neue Gebiete zu erkunden.

Natürlich gibt es auch zahlreiche passive Forscher. Für sie reicht es, ihrem Hobby vornehmlich durch das Lesen von Büchern und Diskutieren in Online-Foren nachzugehen.

Es gibt viel zu besprechen

Das Internet spielt eine grosse Rolle für die Bigfooter-Gemeinde. Das mag vor allem daran liegen, dass Amerika ein grosses Land ist, in dem es vergleichsweise wenige Bigfoot-Forscher gibt. Das Internet dient zum Austausch über grosse Distanzen. Im Internet existiert eine Vielzahl von Foren zum Thema. Beliebt sind etwa die «Bigfoot Forums», wo in zahlreichen Kategorien über die verschiedenen Aspekte des Phänomens diskutiert werden kann. Da gibt es Debatten zu Film- und Audioaufnahmen, zu Sichtungsberichten, zu den neusten Gadgets und Forschungsmethoden im Feld. Nebst diesem und ähnlichen Foren – etwa auf reddit.com – existiert eine Vielzahl an Gruppen in den sozialen Medien wie Facebook, von denen die von Steven Streufert gegründete «Coalition for Critical Thinking in Bigfoot Research» in meinen Augen die beste ist, da sie viele skeptische Mitglieder hat.

Nicht zuletzt sind die Bigfooter auch auf You Tube sehr aktiv. Da gibt es eine Reihe von Kanälen, auf denen Bigfooter von ihrer Feldforschung berichten und Videos posten. Ein in der Community bekannter User nennt sich «timbergiantbigfoot» – ein Forscher aus dem kanadischen Ontario, der bereits mehrere Videos veröffentlicht hat, auf denen angebliche Bigfoots zu sehen sind. Ein Video sticht besonders heraus: Darin sieht man eine braune Fellkreatur im Unterholz, die aber leider nie ihr Gesicht dem Filmer zuwendet. Nebst solchen spezifischen, persönlichen Websites gibt es auch eine Reihe von Online-Zeitungen, welche es sich zur Aufgabe gemacht haben, täglich Neuigkeiten zum Thema zu publizieren. Prominent ist etwa die Website «Bigfoot Evidence».

Auf all diesen Plattformen wird fleissig diskutiert. Dutzende von Einträgen zu einem Post in einer Facebook-Gruppe sind keine Seltenheit. Bigfoot ist ein kontroverses Thema, besonders unter Bigfootern. Während es von der Aussenwelt im Allgemeinen als Spinnerei abgetan wird und deshalb dort kaum je eine Diskussion zustande kommt, gibt es innerhalb der Community einen regen Austausch. Dort werden Fragen diskutiert wie: Ist der Bigfoot nachtaktiv? Kann er sprechen? Benützt er zur Kommunikation so genannte «woodknocks» – also Schläge mit Ästen an Bäumen? Sollte man einem Bigfoot Geschenke bringen, um die Chance auf eine Begegnung zu begünstigen? Reagiert der Bigfoot anders auf weibliche als auf männliche Forschende? Ist dieses oder jenes Beweisstück legitim? Zeigt der Patterson-Film einen echten Bigfoot?

Zwei Fraktionen

Es gibt aber vor allem eine grosse, grundlegende Kontroverse in der Welt der Bigfooter: Wobei handelt es sich bei der Kreatur?

Die Frage spaltet die Bigfoot-Forscher seit den Anfängen dieser Subkultur in den 60er-Jahren in zwei grosse Lager: Das eine wird «flesh and blood», das andere «paranormal» genannt. Die erste Gruppe, zahlenmässig der zweiten überlegen, vertritt den Standpunkt, dass es sich beim Bigfoot um eine Kreatur aus Fleisch und Blut handelt: Dass es ein normales, biologisches Wesen ist. Das zweite Lager hingegen ist der Ansicht, dass der Bigfoot unfassbar ist, dass er mit den aktuellen Methoden der Wissenschaft nicht greifbar ist. Vertreter dieser Gruppe glauben, bei Bigfoot handelt es sich um Ausserirdische, um interdimensionale Wesen (was immer das sein mag), um Urkreaturen mit besonderen Kräften, die lange vor den Menschen auf der Erde waren, oder um das Resultate von geheimen Experimenten des US-Militärs. Diese Bigfooter-Fraktion überschneidet sich zudem mit anderen «paranormalen» Subkulturen, vornehmlich mit Ufojägern. Im Gegensatz zur ersten werden hier auch öfters Verschwörungstheorien und religiöse Ansichten geteilt und diskutiert.

Das erste, das «flesh and blood»-Lager lässt sich weiter in zwei Fraktionen unterteilen: Die einen denken, dass Bigfoot ein Menschenaffe ist, womöglich ein Nachfahre des ausgestorbenen asiatischen Riesenaffen Gigantopithecus. Vieles deute daraufhin: Das affenähnliche Aussehen und die Verhaltensweisen (etwa das Klettern in Bäumen und die zeitweilige Fortbewegung auf vier Beinen), sowie der Umstand, dass der Bigfoot offenbar nicht über eine fortgeschrittene Kultur wie der Mensch verfügt, also keine Werkzeuge und kein Feuer benützt.

Die andere Fraktion hingegen glaubt, dass Bigfoot vielmehr ein Hominide, also mit dem Menschen sehr nah verwandt ist. Für diese These spreche, dass der Bigfoot über eine Sprache verfüge und auf zwei Beinen gehe. Einige Mitglieder dieser Gruppe vertreten sogar die Ansicht, Bigfoot stelle eine Unterart des modernen Menschen dar, der durch Abschottung und mögliche Kreuzungen mit anderen Menschenarten ein eigentümliches Aussehen und Verhalten entwickelt hat.

In jüngster Zeit hat sich zudem ein prominentes Lager entwickelt, das quasi eine Synthese des «paranormal»- mit dem «flesh and blood»-Lager versucht. Diese Gruppe ist vor allem durch die DNA-Studie von Melba Ketchum, von der hier berichtet wird, in Erscheinung getreten. Zusammengefasst denken die Vertreter dieser Gruppe, dass es sich beim Bigfoot grundsätzlich um Menschen (Homo sapiens) handelt, die aber durch DNA-Manipulation – möglicherweise von Ausserirdischen durchgeführt – verändert und mit aussergewöhnlichen Eigenschaften wie Telepathie ausgestattet wurden.

Töten oder nicht töten?

Mit der Kontroverse um die Identität des Bigfoot hängt stark der ebenfalls für viel Gesprächsstoff sorgende Streit zusammen, ob man einen Bigfoot erschiessen sollte, um seine Existenz zu beweisen oder nicht. Die meisten der Forscher, welche die Affen-Hypothese, vertreten, bejahen diese Frage. Nur ein Exemplar könne die Wissenschaft und die Öffentlichkeit von der Existenz der Kreaturen überzeugen. Mit Nein antworten jene, welche die Hominiden- oder Menschen-Hypothese vertreten: Einen Bigfoot zu töten, das sei Mord. Und die «Paranormalen» sagen, ein Bigfoot könne wohl gar nicht erschossen werden. Er entschwinde in eine andere Dimension oder könne die Kugeln auf wundersame Weise abwehren.

Gleich und Gleich gesellt sich gern

Diese unterschiedlichen Ansichten bezüglich der Identität des Bigfoot spiegeln sich teilweise auch in den Namen der Gruppierungen wieder, in denen sich viele der Bigfooter organisiert haben. Da gibt es etwa die North American Wood Ape Conservancy (NAWAC) mit Sitz in Texas, die dezidiert die Affen-Hypothese vertritt. Ebenfalls die Affen-Hypothese vertritt die grösste Bigfooter-Vereinigung der Welt, die Bigfoot Field Researchers Organization (BFRO) mit Sitz in Kalifornien, die vor allem durch die Docutainment-Serie «Finding Bigfoot» im US-Fernsehen bekannt geworden ist.

Die BFRO ist meines Wissens auch die einzige Organisation, welche die Suche nach Bigfoot kommerzialisiert hat. Sie verkauft Trips in Bigfoot-Hotspots: Teilnehmer zahlen mehrere hundert Dollar, um ein Wochenende mit führenden BFRO-Bigfootern irgendwo im Nirgendwo zu verbringen und dabei die vermeintliche Chance auf eine Begegnung mit einem Bigfoot zu erhalten.

Die BFRO und die NAWAC sind heute wohl die prägendsten Bigfooter-Vereinigungen. Das heisst, sie sind am besten organisiert, haben die meisten Mitglieder, und diese haben die vermeintlich besten Beweise gesammelt und die interessantesten Geschichten zu erzählen.

Nebst diesen beiden existiert eine Vielzahl kleinerer, eher regionaler oder gar lokaler Gruppierungen. Sie tragen Namen wie Kentucky Bigfoot Research Project, Sasquatch Watch of Virginia, Gulf Coast Bigfoot Research Organization oder Olympic Project. Viele Bigfooter sind Mitglied solcher Vereinigungen. Vor allem die «flesh and blood»-Vertreter organisieren sich gerne in solchen Gruppen. Die «Paranormalen» hingegen tendieren eher zur Zusammenkunft in kleineren, informellen Gruppen. Das liegt wohl vor allem daran, dass ihre Ansichten und Aktivitäten noch immer von einem grossen Teil der Community belächelt werden.

Auf in den Busch!

Doch wie läuft «Bigfooting» oder «Squatching», wie die methodische Suche nach Bigfoot bezeichnet wird, in der Praxis ab? Matt Moneymaker, Gründer und Leiter der Bigfoot Field Researchers Organization, verwies mich an ein lokales Mitglied im Raum Vancouver: Darcy Stoffregen. Ich schrieb ihn an. Binnen weniger Stunden bekam ich Antwort: «Ich bin fast jedes Wochenende im Busch. Du kannst mich gerne begleiten.»

Ein roter Geländewagen erwartete mich am vereinbarten Treffpunkt in Vancouver. Der Kofferraum war vollgestopft mit Rucksack, Kleidern, Werkzeugkisten, Kabeln, leeren Pizzaschachteln, Getränkeflaschen und zerknitterten Zeitungen. «Du kannst dein Gepäck auf der Rückbank verstauen», sagte Stoffregen. Doch auch sie quoll fast schon über. Ich fand schliesslich ein Plätzchen neben einer grünen Box, die mich neugierig machte. «Eine Wärmebildkamera, ein nettes Spielzeug», schmunzelte er vielsagend.

Darcy Stoffregen ist ein mittelgrosser Mann mit rotem Bart und Brille. Er zog einst von Manitoba nach British Columbia im Westen Kanadas, primär seines Hobbys wegen, wie er mir erzählte. Denn im Westen, so ist er überzeugt, gäbe es mehr Bigfoots. Von Beruf ist er Bauarbeiter. Der BFRO sei er vor einigen Jahren beigetreten, um sich besser mit anderen Bigfootern austauschen und im Verbund die Wälder unsicher machen zu können. Der Kanadier erwies sich im Verlauf unseres Trips als eher wortkarger, aber gutgelaunter Typ. Bei Spässen pflegte er verschmitzt zu grinsen. Seine Augen versanken dabei jeweils in den rotbehaarten Pausbacken.

Wir fuhren los, hinaus aus der Millionenmetropole von Vancouver Richtung Osten, ins Fraser Valley. Saftige, grüne Felder, farbenfrohe Farmen und schroffe, schneebedeckte Berge flogen an meinen Augen vorbei. Fast so idyllisch wie das Berner Oberland in der Schweiz, dachte ich mir. Nach einiger Zeit passierten wir den Harrison Lake. Dann wand sich die Strasse hoch. Der Asphalt wurde von holprigem Schotter abgelöst, links und rechts von dichten Büschen flankiert. Immer wieder starrte ich angestrengt aus dem Fenster. Der dichte Wald schien wie eingezäunt von Dornenbüschen und totem Geäst. Als wollte der Forst einen uralten Schatz vor unseren Blicken verbergen. «Die Region um Harrison Hot Springs ist einer der zentralen Bigfoot-Hotspots», sagte Stoffregen.

Es gibt eine Reihe solcher Orte in Nordamerika. Bekannt sind etwa auch Willow Creek in Nordkalifornien, Honobia in Oklahoma, die Blue Mountains in Süd-Washington oder Tofino auf Vancouver Island. Es sind Orte, wo Bigfoot häufig gesichtet wird, wo markante Ereignisse in der Bigfoot-Forschung geschehen sind und wichtige Persönlichkeiten der Forschung leben oder gelebt haben. In Harrison Hot Springs lebte John Green, ein Journalist, der eine Vielzahl bekannter Werke zum Thema geschrieben hat. Etwa Sasquatch The Apes Among Us, in dem Green lückenlos die Geschichte der Bigfoot-Forschung erzählt, welche eng mit seinen eigenen Erfahrungen und Untersuchungen verwoben ist.

Green untersuchte die grossen «Bigfoot-Fälle». Er nahm etwa 1960 an der berühmten Expedition von Tom Slick in die Urwälder Nordkaliforniens teil, untersuchte die so genannte Bossburg-Fussspur und nahm die Albert-Ostman-Geschichte unter die Lupe. Ostman war ein kanadischer Holzfäller, der behauptete, im Jahr 1924 von einem Bigfoot an der Küste British Columbias entführt und mehrere Tage festgehalten worden zu sein. Green ging aber auch Sichtungsberichten rund um seinen Wohnort Harrison Hot Springs nach. Etwa dem eines Buschauffeurs, der behauptete, auf einer Fahrt durch ein Waldstück am Stadtrand einen Sasquatch beim Überqueren der Strasse beobachtet zu haben.

Spuren

Stoffregens Geländewagen kroch einen Weg hoch, den man hierzulande eher als Trampelpfad bezeichnen würde. Äste schlugen im Halbsekundentakt gegen die Scheiben, grosse Steine hoben uns immer wieder aus den Sitzen. Links am Weg tat sich vor uns ein steiler Abhang auf, rechts türmten sich hohe Tannen. Dahinter erkannte man nur noch schemenhafte Silhouetten, so düster war es. «Jederzeit könnte sich dort etwas bewegen, und wir würden es nicht sehen», sagte Stoffregen.

Plötzlich stoppte der Kanadier seinen Jeep und zog wuchtig die Handbremse an. «Lass uns hier einmal anhalten!» Wir stiegen aus. «Schauen wir uns nach Spuren um.» Das ist eine der zentralen Strategien von Stoffregen: Er fährt einsame Wege in entlegenen Bigfoot-Hotspots ab und achtet dabei auf Spuren auf oder neben der Strasse. «Man kann so am meisten Fläche auf einmal absuchen», erklärte er mir. «Und irgendwann muss auch ein Bigfoot einen solchen Weg mal überqueren, schliesslich sind die Wälder hier durchzogen davon.» Die meisten dieser Pfade wurden einst von Holzfällern erstellt.

Wir stapften rund eine halbe Stunde dem Kiesweg entlang, als wir plötzlich ein Rascheln von unterhalb der Strasse vernahmen. Wie angewurzelt blieben wir stehen und glotzten hinunter. Zu sehen war nichts, weil der Abhang steil abfiel und Büsche die Sicht verdecken. «Etwas Schweres läuft dort herum», flüsterte Darcy. Krsch… krsch… krsch… Dann verschwand das Geräusch. Wir gingen weiter. Nach wenigen Metern fanden wir im feinen Sand am Wegrand einen grossen Tatzenabdruck. Ein Schwarzbär! Bald stiessen wir auf weitere Spuren: Rehabdrücke und schliesslich auch Puma-Fährten. Doch was wir eigentlich suchten – einen grossen, menschenähnlichen Fussabdruck – fanden wir nicht. «Es dunkelt ein, fahren wir hinauf zum Spot», beschloss Stoffregen.

Wir holperten die Berg- und Tallandschaft weiter hinauf, durchquerten eine Lichtung voller Beerenbüsche und erreichten schliesslich eine Anhöhe. Ein perfekter Platz: Vor uns erstreckte sich eine Schneise im Wald, die wir kilometerweit überblicken konnten. Dahinter grüne Hügel, so weit das Auge reichte, und ein paar weisse Bergspitzen. Ich machte einen kleinen Teich in der Schneise aus. Er spiegelte den blauen Himmel, der unterdessen immer dunkler wurde. Hier, so sagte Stoffregen, sei ein idealer Ort, um Bigfoot aufzulauern. «Der Teich und die umliegenden Beerenbüsche ziehen viele Tiere an.»

Das Zelt war schnell aufgestellt, bald verbreitete ein wärmendes Feuer orange Funken. Um mich zu erleichtern, entfernte ich mich einen Steinwurf vom Camp. Als ich hinter einer Tanne stand, erschallte plötzlich ein ohrenbetäubendes Geräusch: «Uuuuuuuuaah!» Erschrocken drehte ich mich um. Der Schrei war zu nahe, um von einem Bigfoot zu stammen – ausser die Kreatur rannte direkt durch unser Camp…

Ich trat verstört aus dem Gehölz und sah Darcy Stoffregen auf einem Felsen stehen, die Hände trichterförmig an den Mund gelegt. «Uuuuuaah!» schrie er noch einmal. Die umliegenden Hügel warfen den Schrei zurück. Ich musste grinsen. Stoffregen versuchte offensichtlich, einen Bigfoot-Schrei zu imitieren.

«Hast du schon einmal eine Antwort erhalten?», fragte ich ihn. «Nein, auf Schreie nicht. Aber auf Woodknocks…» Er meinte damit das Schlagen mit Holzprügeln an Bäume. Auf diese Weise, so behaupten Bigfooter, würden die Affenmenschen über grosse Distanzen untereinander kommunizieren. «Im Golden Ears-Park nahe Vancouver habe ich einmal minutenlang mit einem Bigfoot hin- und herkommuniziert.»

Ein Grund, in die Natur zu gehen

Wir setzten uns ans knisternde Lagerfeuer und brieten Hotdogs. Es war mittlerweile zappenduster. Ich fragte Stoffregen, warum er nach Bigfoot suche. «Eigentlich ist es eine Entschuldigung, raus in die Wildnis zu gehen», sagte er. «Doch ich will auch einen Bigfoot sehen.» Und dann? «Ich würde mehr über ihre Lebensweise lernen wollen.» Würde er einen erschiessen, wenn er die Gelegenheit dazu hätte? «Nein» – die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. «Kaum ein Bigfooter will das, obwohl es die Kontroverse ein für allemal beenden würde.»

Vielleicht wollen sie das gar nicht, die jahrzehntealte Kontroverse beenden, dachte ich mir insgeheim. Dann hätten die Bigfooter vieles nicht mehr, was ihnen Lebensfreude schenkt: Das Kribbeln, die Spannung, das einsame Naturerlebnis, die Hoffnung auf eine Begegnung mit dem Unmöglichen, mit etwas, von dem die Gelehrten sagen, dass es bloss Einbildung sei. Die Suche wäre dann nicht mehr dieselbe. Sie würde an Romantik und Mystik verlieren. Und Bigfoot würde plötzlich nicht mehr nur den Bigfootern «gehören», sondern allen Menschen. Alle wüssten, dass es ihn gibt und alle würden ihn sehen wollen…

Bigfooting hat sicher viel mit Sehnsucht nach Natur und dem Ursprünglichen zu tun. Für viele ist es wohl auch eine Flucht aus dem Alltag, aus einer zunehmend komplizierten und digitalisierten Welt hinein in eine einfache Welt, in der die Regeln klar sind, in der man im Jetzt lebt und frei ist.

Sehen in absoluter Dunkelheit

Plötzlich erhebt sich Darcy Stoffregen und geht zum Jeep. Er hievt die grüne Box von der Rückbank: Die Wärmebildkamera. Sie gehört der BFRO. Ein reicher Unternehmer namens Wally Hersom habe sie der Organisation gespendet, erzählt der Kanadier. Einem Kollegen von ihm namens Michael Greene sei es vor wenigen Jahren gelungen, einen Sasquatch mit einer solchen Kamera zu filmen. «Das war in North Carolina.»

Er nimmt das Teil, das mich an einen Staubsauger erinnert, aus der Kiste und montiert es auf dem Dach des Wagens. Danach verbindet er es mit einem Generator und einem kleinen Camcorder. Sekunden später erscheint auf dem Kamera-Display eine Landschaft in Grautönen – die Senke westlich von uns. Der Wald erscheint grau und der Teich schwarz. Tiere und Menschen geben Wärme ab, sie würden weiss erscheinen. «Wenn sich dort unten etwas bewegt, können wir es sehen, obwohl es stockdunkel ist.»

Stoffregen kramt ein weiteres Gadget hervor: Ein Nachtsichtgerät, etwas kleiner als ein Camcorder. Man blickt mit einem Auge durch und sieht die Umgebung taghell, aber in körnigen Grüntönen. Bevor wir uns auf die Lauer legen, greift der Bigfooter zu einem Baseballschläger. Er geht damit zu ein paar Tannen, klopft schwach dagegen, ein-, zweimal, um den Klang zu testen – und schlägt schliesslich mit voller Wucht gegen das Gehölz. Und noch einmal. Wir lauschen gespannt. Anfänglich hören wir nichts. Dann erschallt von fern plötzlich ein Geheul. «Koyoten», kommentiert Stoffregen. Er klingt etwas enttäuscht.

Wir teilen uns auf: Stoffregen übernimmt die Überwachung mit der Wärmebildkamera, während ich die Umgebung mit dem Nachtsichtgerät absuche. Ich entferne mich vom Camp, taste mich in der Dunkelheit zur östlichen Senke hinunter, knie nieder und blicke durchs Nachtsichtgerät. Bäume. Büsche. Und ein paar eigentümliche dunkle Flecken auf der Wiese, vielleicht 60 Meter entfernt.

Doch was war das? Waren es Steine? Ich zählte sechs Objekte und versuchte auf Bewegungen zu achten. Ich starrte angestrengt hin. Meine Augen begannen aber bald zu schmerzen – das grobkörnige Bild in Grün war anstrengend. Also senkte ich das Gerät einen Moment, stand auf und machte einige Schritte, um meine Beinmuskulatur zu lockern. Nach wenigen Minuten nahm ich meine Observation wieder auf. Nun sah ich plötzlich nur noch fünf Flecken! Vorher waren es sechs gewesen. Hatte sich etwas hinter den Steinen versteckt? Was war da los? In diesem Moment hörte ich es erneut knacken. Krsch… Krsch… Krsch…

«Vermutlich ein Bär»

Das Geräusch kam von unten am Fuss des Abhangs, war aber nur geschätzte zehn bis zwanzig Meter Luftlinie entfernt von mir. Etwas lief dort herum! Ich schoss hoch, sah aber überhaupt nichts, weil ich minutenlang durchs das Nachtsichtgerät geblickt hatte. Ich stolperte zurück zum Camp. «Darcy!» Er hatte eine Pause eingelegt, sass auf einem Campingstuhl am Feuer und briet einen weiteren Marshmallow. «Darcy, dort unten bewegt sich etwas!»

Stoffregen stand langsam auf. Ich erklärte ihm, was ich gesehen und gehört hatte. Wir lauschten, hörten aber nichts. Er ging zum Jeep, nahm die Wärmebildkamera wieder in Betrieb und schwenkte sie in Richtung der dunklen Flecken. Ich schaute ihm über die Schulter. Auf dem Camcorder erschienen die dunklen Flecken weiss. «Steine. Sie haben die Wärme gespeichert und erscheinen deshalb hell», brummte er.

Ich zählte nun deren vier. Und plötzlich dämmerte es mir: Je nach Position, von der man sie betrachtete, waren es mehr oder weniger, weil sie nahe beieinander lagen und sich gegenseitig verdeckten. «Und das Geräusch?», fragte ich Stoffregen. «Vermutlich ein Bär, bleib in der Nähe», sagte er trocken und ging zu seinem Campingstuhl zurück.

Nachdenklich starrte ich in die Dunkelheit. Zumindest dieser Bigfooter war kein Spinner. Stoffregen erwies sich als skeptischer Beobachter, der nicht jedes Geräusch, jede Anomalie im Wald einem Bigfoot zuschrieb. Er wusste, welches Tier welche Laute machte und welche Kreatur welche Spur hinterliess.

Der Rest der Nacht in der Wildnis um Harrison Hot Springs verlief ereignislos. Wir schliefen bald ein, liessen aber die Wärmebildkamera in Betrieb, sodass wir zwischendurch, wenn wir aufwachten, schauen konnten, ob sich um uns herum etwas tat. Doch es war totenstill, wir sahen kein einziges Tier. Keinen Bigfoot.

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Chris Kummer ist langjähriger Journalist aus der Schweiz. Er schreibt für verschiedene Zeitungen und Magazine über unterschiedliche Themen. Er interessiert sich besonders für wissenschaftliche Kontroversen, Zukunftsforschung und Videospiele. Er folgt dem Credo «nichts glauben, alles hinterfragen» und setzt sich für offene und zugleich kritische Untersuchungen ein.

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