Bigfoot-DNA, Teil 2

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DNA-Proben könnten zeigen, dass es den Bigfoot gibt. Doch viele Forscher scheuen sich davor, Test durchzuführen. Bryan Sykes ist eine Ausnahme: 2014 publizierte der Genetiker zusammen mit einem Schweizer Museum eine Studie zum Thema. Er testete Dutzende von angeblichen Haar- und Blutproben von Yeti, Bigfoot und ähnlichen Kreaturen. Der Brite fand keinen Beweis für den Bigfoot. Dafür stiess er auf eine Überraschung, als er die DNA von Nachkommen der «Urmenschen-Frau» Zana aus dem Kaukasus unter die Lupe nahm.

Zum ersten Teil

Dem Yeti auf der Spur

Bryan Sykes hat definitiv das grössere Renomée als Melba Ketchum. Er ist emiritierter Professor für Humangenetik an der englischen Universität von Oxford und hat schon eine Vielzahl von wissenschaftlichen Artikeln und Büchern verfasst. Sykes interessiert sich seit langem für Bigfoot und vor allem dessen asiatischen «Cousin», den Yeti.

Im Jahr 2001 nahm er ein angebliches Yeti-Haar unter die Lupe, das ein Filmteam der BBC in Bhutan sichergestellt hatte. Sykes gab gegenüber dem Wissenschaftsmagazin New Scientist zu Protokoll: «Die untersuchte DNA ist nicht menschlich. Sie lässt sich auch keinem Bären zuordnen, noch irgendetwas, das sich sonst identifizieren liesse. Es ist wirklich ein Rätsel, und ich hätte nie gedacht, dass es eins bleiben würde.»

Sykes entschied 2013 wegen der rasanten Fortschritte in der DNA-Analysetechnik, das Yeti-Rätsel erneut anzugehen. Die neuen Methoden sollten zweifelsfrei Yeti-DNA nachweisen können – sollte sie denn vorhanden sein.

Im Archiv des Monsterjägers

Um neue Proben zu finden, wandte sich Sykes als erstes an das zoologische Museum in Lausanne und dessen Direktor Michel Sartori. Denn das Westschweizer Museum beherbergt den Nachlass von Bernard Heuvelmans. Der 2001 verstorbene Zoologe aus Belgien spürte Yeti, Nessie und allerlei anderen mysteriösen Kreaturen nach. Er gilt als Vater der Kryptozoologie, der umstrittenen Disziplin, welche Berichte von fremdartigen und neuen Tierarten sammelt und sich deren Entdeckung zum Ziel setzt. Heuvelmans vermachte seine Aktenberge dem Lausanner musée de zoologie, weil er von diesem die Garantie erhielt, dass der Bestand beisammen bleibt und interessierte Forscher Zugang zu den Aufzeichnungen erhalten.

So lagern in einem abgeschotteten Raum des Museums zahlreiche Aktenschuber. Darin enthalten sind Notizen, Fotos und Zeitungsartikel. Zudem befinden sich auch Trophäen im Nachlass. Etwa eine Kopfhaut aus Tibet, die von einem Yeti stammen soll.

Darauf hatte es Sykes abgesehen. Er hoffte, im Heuvelmann’schen Sammelsurium Haare und andere Überbleibsel zu finden, die auf DNA getestet werden konnten.

Doch er wurde enttäuscht: Entweder stellte sich heraus, dass die Proben bekannten Tierarten gehörten, oder aber, dass sie gar keine DNA mehr enthielten. Dennoch entschied er, gemeinsam mit Museumsdirektor Michel Sartori, eine Studie auf die Beine zu stellen. Ende Mai 2012 verschickten die beiden ein Communiqué an die Medien, in dem sie die Öffentlichkeit dazu aufriefen, vermeintliche Yeti-Haare und ähnliche Proben einzusenden.

«Ich glaube zwar nicht, dass es solche Kreaturen wirklich gibt», sagte mir damals Sartori, ein Zoologe, der vor allem zu Ameisen forscht. «Aber gilt, diese Hypothese zu testen, sonst werden wir es nie wissen.» Die Suche verlief erfolgreich: Innert weniger Wochen erhielten die Forscher rund 90 Proben. Davon wählten sie einen Drittel aus, den Sykes einer ausgiebigen Analyse unterzog.

Eine seriöse Studie

Die meisten der Proben stammten aus den USA oder Kanada. Einige waren bereits von Ketchum untersucht worden: Jene von Justin Smeja aus der Sierra Nevada und mehrere von Derek Randles von der Olympic-Halbinsel. Vom Erickson-Projekt erhielt Sykes offenbar keine Proben, dafür von der North American Wood Ape Conservancy.

Die Forscher aus Texas sandten ein Haar ein, das gemäss eigenen Angaben ein Bigfoot hinterlassen hatte, als dieser durch ein offenes Fenster nach einem schlafenden Forscher tastete.

Im Gegensatz zur Ketchum-Studie gab es bei der Sykes-Studie keine Informationslecks und keine voreiligen Schlüsse. Und das Paper kam im Juli 2014 in einem anerkannten britischen Journal, dem Proceedings of the Royal Society, heraus. Doch das Ergebnis war nicht, was sich die Bigfooter-Community erhofft hatte.

Sykes fand heraus, dass keine der 30 Proben, welche für die abschliessende Analyse verwendet wurden, von einer unbekannten oder für ausgestorben gehaltenen Affen- oder Menschenform stammte, auch nicht die rätselhaften Yeti-Proben.

Keine der Bigfoot-Proben war von einem Bigfoot. Sie alle wurden von bekannten Arten hinterlassen: Pferd, Hund, Bär, Hirsch, moderner Mensch. Das Haar, welche die NAWAC-Forscher in Oklahoma fanden, wurde gemäss Sykes von einem Menschen, möglicherweise von einem der Forscher selbst, hinterlassen. Und das von Smeja ausgegrabene Fleischstück ordnete Sykes eindeutig einem Schwarzbären zu.

Für Bärenforscher war die Studie um einiges interessanter als für Bigfoot-Forscher, denn Sykes behauptete, bei seiner Analyse auf eine für ausgestorben gehaltene Bärenart gestossen zu sein.

Die DNA eines der in Bhutan gefundenen Yeti-Haare war gemäss Sykes identisch mit der eines Knochens, der vor einigen Jahren in Norwegen ausgegraben worden ist und von einer Frühform des Eisbären hinterlassen worden sein soll. Lebt im Himalaja demnach eine Urform des Polarbären? Für einige Bärenforscher war der Sykes-Artikel jedenfalls eine Sensation.

Ein Urmensch im Kaukasus?

Einige Wochen nach der Veröffentlichung seiner Studie erhielt Sykes weitere Bigfoot-Proben. Darunter war die einzig «interessante», wie er in seinem 2015 erschienenen Buch The Nature of the Beast schrieb.

Eingesandt wurde das Haar von Henner Fahrenbach, einem deutschstämmigen US-Zoologen aus Arizona, der öfters vermeintliche Bigfoot-Haare untersucht.

Gemäss Fahrenbach wurde das Haar in der Wildnis von Washington State gefunden, in der Nähe der Stadt Walla Walla, von wo seit Jahrzehnten Bigfoot-Sichtungen gemeldet werden. Die Finder hätten das Haar von der Rinde eines Baumes gezupft, nachdem sie einen Bigfoot in der Nähe gesehen hätten, schrieb Sykes.

Das Fundstück faszinierte Sykes. Seine Tests ergaben, dass es von einem modernen Menschen, Homo sapiens, stammt. Doch Sykes konnte es lange Zeit nicht genauer einordnen, also nicht sagen, welcher Menschengruppe die DNA zugehörig ist. In seinen gängigen Datenbanken habe er keine Übereinstimmung gefunden. Er suchte weiter und fand schliesslich einen «Match in einer obskuren Datenbank», wie er schrieb. Das Haar stammte von einem Menschen mit Wurzeln in Usbekistan.

Warum Sykes das Haar so faszinierend fand, ist für mich unklar. Er hat aus seiner Untersuchung hierzu kein wirkliches Fazit gezogen – nur, dass weitere Tests erforderlich seien.

Was erhofft er sich zu finden? Ist Homo sapiens nicht gleich Homo sapiens?

Sykes fand noch ein weiteres überraschendes Ergebnis.

Wie bereits erwähnt, analysierte er Haare aus aller Welt, so auch solche, die angeblich von Affenmenschen im Kaukasus-Gebirge stammten. Er untersuchte Speichelproben von zwei Abchasen, die angeblich Nachkommen eines Affenmenschen-Weibchens sind.

Dieses hiess Zana, und ihre Geschichte ist unter Kennern der Kryptozoologie bestens bekannt.

Behaart und muskulös

Zana soll um 1850 in der Wildnis im heutigen Grenzgebiet von Russland und Georgien gefangen worden sein. Sie lebte danach in menschlicher Gefangenschaft und starb um 1890.

Zeugen beschrieben sie als menschenhaft mit Affenmerkmalen: So bedeckte rötlich-braunes Haar ihren ganzen Körper, sie war sehr gross, ausgesprochen muskulös, und ihre Haut war dunkelgrau. Zeugen berichteten, dass sie nicht sprechen, sondern nur undefinierbares Gemurmel von sich geben konnte.

Zana zeugte Kinder mit menschlichen Vätern, wovon zwei überlebt haben und weitere Nachkommen produzierten. Von diesen Nachkommen stammen die Speichelproben, die Sykes untersuchte.

Er kam zum Schluss, dass Zanas DNA mit der von ganz frühen modernen Menschen in Afrika übereinstimmt. Ob sie ein moderner Mensch, also Homo sapiens, gewesen sei oder nicht, habe er bislang nicht eindeutig bestimmen können, schrieb er in The Nature of the Beast.

Jedenfalls deute ihre DNA auf die Gattung Homo hin, welche unter anderem auch die Neandertaler und die Hobbits auf Flores miteinschliesst. Aber Zana sei weder das eine noch das andere gewesen, sondern grundsätzlich ein Homo sapiens. Sykes vermutet, dass Zana und ihre «Artgenossen» lange im Kaukasus existierten und womöglich bis heute dort überlebt haben.

War Zana eine Sklavin?

Sykes hat seither keine Neuigkeiten zum Fall Zana bekanntgegeben. Somit ist unklar, was denn nun Zana genau war. Ein Homo sapiens oder eine neuartige Menschenform? Hat Sykes mit seinem doch sehr umstrittenen Fazit Recht? War Zana tatsächlich eine Urform des Menschen, die in der Wildnis des Kaukasus lebte?

Oder war sie vielmehr eine Sklavin aus Afrika, wie Skeptiker behaupteten? Und: Ist der Fund vergleichbar mit dem seltsamen Usbeken-Haar aus der Wildnis um Walla Walla, das Sykes ebenfalls interessant fand?

Diese Fragen sind bislang leider unbeantwortet geblieben. Sykes hat meine bisherigen Interviewanfragen ignoriert.

Wenn man Sykes vorläufige Schlussfolgerungen jedoch akzeptiert, dann wäre seine Entdeckung tatsächlich spektakulär. Es wäre der erste DNA-Nachweis, dass Urmenschen oder Frühformen des Homo sapiens mit ganz eigentümlichem Aussehen und Verhalten bis in die moderne Zeit überlebt haben.

Doch was würde uns der Fall Zana in Bezug auf Bigfoot sagen?

Hat der Bigfoot sich im Laufe seiner Evolution, ähnlich wie Zana, mit modernen Menschen fortgepflanzt? Ist das auch die Erklärung dafür, dass einige Bigfoots eher wie Affen beschrieben werden, während andere eher menschenhafte Züge haben? Leider kann auch hierzu momentan nur spekuliert werden.

Fakt ist, dass sich die verschiedenen Menschenarten im Laufe der Weltgeschichte miteinander kreuzten. Neandertaler hatten Sex mit Menschen, Menschen hatten Sex mit Denisova-Menschen – sie alle hatten gemeinsame Nachkommen. Und wir alle tragen noch immer die Gene dieser Urahnen in uns, je nach Ethnie mehr oder weniger. So tragen die Urvölker von Papua-Neuguinea mehr Denisova-DNA in sich als alle anderen Menschengruppen der Welt.

Ist Bigfoot ein Australopithecus?

Der Bigfoot ist wohl keine Kreuzung aus Neandertaler und Mensch, ganz einfach weil die Neandertaler uns sehr ähnlich waren. Sie benützten Werkzeuge, trugen Kleider und verfügten wohl auch über eine Sprache. Der Bigfoot wirkt in den Beschreibungen sehr affenhaft.

Es stellt sich deshalb die Frage, mit welcher Art von Frühmensch sich der moderne Mensch hätte kreuzen müssen, um einen Bigfoot hervorzubringen. Was wäre überhaupt möglich gewesen?

Sykes legt die Grenze beim Schimpansen fest. Menschen können sich nicht mit Schimpansen kreuzen. Die beiden Linien spalteten sich vor rund sechs Millionen Jahren voneinander ab. Das bedeutet, dass sich unsere DNA von der des Schimpansen so stark unterscheidet, dass keine gemeinsamen Nachkommen möglich sind.

Doch was wäre beispielsweise mit dem Australopithecus, einer sehr frühen Menschenform, die schon auf zwei Beinen ging? Wäre eine Kreuzung mit solch einer Kreatur möglich? Das Problem ist, dass der Australopithecus vor rund zwei Millionen Jahren ausstarb.

2015 wurde in Südafrika jedoch eine neue Menschenart anhand von Knochenfunden identifiziert, die zahlreiche Charakteristiken des Australopithecus aufwies, aber viel später ausstarb, zu Zeiten, als es bereits Homo sapiens gab: Der Homo naledi.

Falls es den Bigfoot wirklich gibt, könnte er das Resultat einer Kreuzung aus Homo sapiens und einer sehr frühen, noch unbekannten Menschenform sein, beispielsweise einem nahen Verwandten des Homo naledi, der in Reliktpopulationen viel länger überlebt hat als angenommen.

Kein Hinweis auf Gigantopithecus

Eines erstaunt jedenfalls in Anbetracht der Ergebnisse sowohl von Sykes als auch von Ketchum: Keine der DNA-Proben deutet daraufhin, dass es sich bei Bigfoot um Gigantopithecus oder einen nahen Verwandten dieses ausgestorbenen Riesenaffen handelt.

Wenn Bigfoot tatsächlich ein Nachfahre dieses asiatischen Riesen wäre, was viele Forscher wie etwa Jeff Meldrum oder John Bindernagel vermuten, dann würde seine DNA starke Parallelen zur DNA von Orang-Utans aufweisen, denn diese sind nach aktuellem Forschungsstand nah mit Gigantopithecus verwandt. Doch keiner der bislang publizierten Tests hat ein solches Merkmal gezeigt.

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Bilder zum Artikel

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Literaturverzeichnis:

– Bigfoot Evidence Blog, Tyler Huggins and Bart Cutino Share Statements & First Forensic Lab Report On Sierra Kills Sample, 2012, URL: http://bigfootevidence.blogspot.ch/2012/12/tyler-huggins-and-bart-cutino-shares.html
– Colyer, Daryl G. et al, The Ouachita Project Monograph, 2015, URL: http://media.texasbigfoot.com/OP_paper_media/OuachitaProjectMonograph_Version1.1_03112015.pdf
– Hart, Haskell, Not Finding Bigfoot in DNA, in: Journal of Cryptozoology (volume 4, December 2016), URL: http://www.journalofcryptozoology.com/
– Hart, Haskell, DNA as evidence for the existence of relict hominoids, Relict Hominoid Inquiry, 2016, URL: http://www2.isu.edu/rhi/pdf/HART-DNA-Evidence.pdf
– Ketchum, Melba et al, Novel North American Hominins, Next Generation Sequencing of Three Whole Genomes and Associated Studies, 2012, URL: http://sasquatchgenomeproject.org/linked/novel-north-american-hominins-final-pdf-download.pdf
– Krantz Grover, Big Foot-Prints: A Scientific Inquiry into the Reality of Sasquatch, Boulder 1992
– Meldrum, Jeff, Sasquatch: Legend Meets Science, New York 2007
– Sykes, Bryan, The Nature of the Beast, London 2015
– Sykes, Bryan et al, Genetic analysis of hair samples attributed to yeti, bigfoot and other anomalous primates, in: Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences (volume 281, issue 1789), 2014, URL: http://rspb.royalsocietypublishing.org/content/281/1789/20140161

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Chris Kummer ist langjähriger Journalist aus der Schweiz. Er schreibt für verschiedene Zeitungen und Magazine über unterschiedliche Themen. Er interessiert sich besonders für wissenschaftliche Kontroversen, Zukunftsforschung und Videospiele. Er folgt dem Credo «nichts glauben, alles hinterfragen» und setzt sich für offene und zugleich kritische Untersuchungen ein.

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