Kurze Geschichte der 9/11-Truther

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Rund die Hälfte der US-Amerikaner glaubt nicht, dass die Terrorgruppe Al-Kaida hinter den Anschlägen vom 11. September steckt. Der Glaube an einen «Inside Job» der US-Geheimdienste ist auch in Europa verbreitet. In der Schweiz unterstützen Professoren der ETH und Politiker die Forderung nach einer neuen Untersuchung. Wer sind diese Menschen? Wie entstand die Bewegung? Wie ist sie politisch zu verorten? Und wie organisieren sie sich? Sind die Akademiker unter ihnen eine Randerscheinung? Und ist etwas dran an der Behauptung, dass 9/11 nicht kritisch untersucht werden darf?

Zahlreiche Menschen glauben, dass die US-Regierung hinter den Attacken von 9/11 steckt. Eine Studie der kalifornischen Geschichtsprofessorin Kathryn Olmsted kam zum Ergebnis, dass im Jahr 2006 – also fünf Jahre nach den Anschlägen – ein Drittel der US-Bevölkerung der Ansicht war, dass die Bush-Regierung selbst die Anschläge orchestrierte. Die Mehrheit dieser Leute war gemäss der Studie zwischen 18 bis 29 Jahre alt.

Eine neuere Umfrage aus dem Jahr 2008 kommt zum Ergebnis, dass nur 46 Prozent der Befragten denkt, dass Al-Kaida hinter den Anschlägen vom 11. September steckt.

Zweifel an der offiziellen Darstellung der Ereignisse ist keine Randerscheinung, sondern ein Massenphänomen. Und das gilt nicht nur für die USA. Auch in Europa glauben viele Menschen, dass in Wahrheit die Bush-Regierung oder die Geheimdienste die Anschläge orchestrierten.

«Schuldfrage ist ungeklärt»

Diese Personen verlangen eine neue Untersuchung, welche die Wahrheit ans Licht bringen soll. Deshalb nennen sie sich vielfach auch 9/11-Truther oder schlicht Truther. Viele von ihnen nennen sich auch Skeptiker, Querdenker oder Zweifler. Von Aussenstehenden werden sie indes oft als Verschwörungstheoretiker bezeichnet.

Auch in der Schweiz gibt es zahlreiche 9/11-Truther, von denen viele in einer Petition eine neue unabhängige Untersuchung der Anschläge fordern: Die Aktion 9/11untersuchen (zur Website) läuft noch heute.

Lanciert wurde sie von Stefan Schär, einem Journalisten und Layouter aus Bern.

Die Schuldfrage sei ungeklärt, ist auf der Website der Petition zu lesen. «Die US-Regierung hat bis heute keine gerichtstauglichen Beweise für ihre Version der Ereignisse vorgelegt. Auch der am 25. Juli 2004 veröffentlichte offizielle 9/11-Untersuchungsbericht hat keine Klärung gebracht.»

Unter den mittlerweile 236 Unterzeichnenden (Stand September 2016) finden sich unter anderem einflussreiche Persönlichkeiten wie die Nationalräte Daniel Vischer und Alec von Graffenried sowie der ETH-Strategieexperte Albert A. Stahel.

Starke Bewegung dank des Internets

Die Geburtsstunde der Truther war der 11. September. Zahlreiche Menschen äusserten bereits kurz nach den Attacken ihre Zweifel an den Verlautbarungen der Politiker und der Medien – vor allem im Internet.

Auffallend war für viele der Einsturz der Zwillingstürme. Wie konnte der Einschlag eines Airliners ein derart robustes Stahlkonstrukt zum Einsturz bringen, fragten sie sich.

Stellvertretend für viele das Statement des Bostoner Computerexperten David Rostcheck, der noch am selben Tag eine kurze Analyse im Internet publizierte:

Ok, is it just me, or did anyone else recognize that it wasn’t the airplane impacts that blew up the World Trade Center? To me, this is the most frightening part of this morning. I hope other people actually are catching this, but I haven’t seen anyone say it yet, so I guess I will. I guess being an engineer may make one more conscious of these things…

Die Theorien verbreiteten sich rasch im Internet. Die Menschen diskutierten in Foren, schrieben Einträge auf Blogs und teilten Videos und Fotos zu den Anschlägen, auf denen sie Anomalien ausmachten.

Es lässt sich feststellen, dass das Internet eine grosse Rolle bei der Verbreitung der alternativen Thesen zu 9/11 spielte.

Auf diesen Umstand hat unter anderem Anthony Summers in seinem Buch The Eleventh Day hingewiesen:

The growth and durability of 9/11 skepticism, though, was inseparably intertwined with the rise of the internet.

Gleichgesinnte konnten sich austauschen, stiessen auf offene Ohren und nicht auf Widerstände, wie das vielleicht bei einer Diskussion im Kreis der Familie oder von Kollegen der Fall gewesen wäre.

Im Jahr 2007 existierten gemäss Summers rund eine Million Webseiten, die nur 9/11-Verschwörungstheorien präsentierten.

Ein neues Pearl Harbor?

Doch auch die klassischen Medien verbreiteten rasch die alternativen Ansichten. 2002 kam das Werk 11. September 2001: Der inszenierte Terrorismus. Auftakt zum Weltenbrand?: Kein Flugzeug traf den Pentagon! des französischen Journalisten und linken Aktivisten Thierry Meyssan heraus. Es wurde ein Bestseller, der in viele Sprachen übersetzt worden ist. Meyssan ist auch heute noch sehr aktiv in der Truther-Gemeinde.

Ein weiteres wichtiges Buch für die Truther ist das 2004 erschienene The New Pearl Harbor, geschrieben von einem Theologieprofessor im Ruhestand: David Ray Griffin.

Die Truther-Bewegung war angewiesen auf solche Sprachrohre. Diese gaben ihr eine Stimme und fütterten sie mit neuen Thesen und Indizien, die sie diskutieren konnten.

In den Jahren 2003 und 2004 sah man das Aufkommen von grossen Informationsveranstaltungen von 9/11-Skeptikern, an denen prominente Redner der Szene, darunter auch Griffin und Meyssan, öffentlich Vorträge hielten und die verschiedenen alternativen Thesen im Plenum diskutierten. Es waren grosse Konferenzen, die teils in grossen Hallen mit Hunderten von Zuhörern abgehalten wurden.

Ein solcher Anlass fand in den Jahren 2009 und 2011 in Luzern statt, unter Teilnahme von David Ray Griffin (2009) und Daniele Ganser (2011).

Der Historiker Daniele Ganser, der einst an der ETH Zürich lehrte, mauserte sich in der Schweiz zum schärfsten akademisch-geschulten Kritiker der offiziellen Version. Zu seiner Person und seinen Ansichten werde ich einem separaten Artikel näher eingehen.

Der Einfluss der Kriegslüge

Ein weiterer Meilenstein für die Truther-Community stellt die Veröffentlichung der Dokumentation Loose Change im Jahr 2005 dar. Der junge US-Filmemacher Dylan Avery stellte darin die gängigen Truther-Thesen in wirksamer und verständlicher Weise zusammen.

Der Film wurde millionenfach angeschaut und in mehrmals neu aufgelegt. Er könnte einer der Hauptgründe gewesen sein, dass in der Umfrage von 2006 fast die Hälfte der US-Amerikaner Zweifel an der offiziellen Darstellung der Ereignisse hegte.

In dieser Zeit war zudem der Sturz des irakischen Diktators Saddam Husseins vollzogen und es hatte sich ergeben, dass Hussein – entgegen den Behauptungen der US-Regierung – nicht im Besitz von Massenvernichtungswaffen gewesen war. Viele Menschen, die bislang der Truther-Bewegung mit Skepsis begegnet waren, stellten sich folgende Frage: Wenn Bush und Co. bei Irak gelogen haben, warum sollten sie dies nicht auch schon bei 9/11 getan haben?

Jonathan Kay schrieb in seinem 2012 erschienen Buch Among the Truthers: A Journey Through America’s Growing Conspiracist Underground, dass die 9/11- Truther-Bewegung ab 2002 zu ein Massenphänomen geworden sei:

The 9/11 Truth movement has become a mass phenomenon in the last ten years, spawning best-selling books, conferences, a pseudoacademic journal, and dozens of heavily surfed websites.

Klar politisch verorten liessen oder lassen sich die Truther nicht. Jonathan Kay hielt in seiner Analyse der Bewegung aber fest, dass viele von ihnen, vor allem jene in Nordamerika, zu den Konservativen zu zählen seien.

Viele Truther sehen gemäss Kay die Terroranschläge als Teil eines grösseren Plans, der dazu diene, den Amerikanern Freiheiten zu nehmen und die USA zunehmend von aussen, durch die Vereinten Nationen, regieren zu lassen:

While I once supposed Truthers to be simply radical specimens of the anti-American, Bush-hating Left, many of the Truthers I’ve met actually turned out to be self-described conservatives who see 9/11 as part of a plot to strip Americans of their liberty, and transfer Washington’s sovereign powers to the United Nations.

Wissenschaftler organisieren sich

Trotz ihrer vornehmlichen Präsenz im Internet und ihren teils exzentrischen Exponenten sollte man die 9/11-Truther-Bewegung nicht als Phänomen von Laienforschern ansehen.

Unter ihnen hat es zahlreiche Wissenschaftler. Diese organisieren sich in Gruppen wie Scholars for 9/11 Truth, Scientists for 9/11 Truth oder The Scientific Panel Investigating 9/11.

Zudem gibt es ein wissenschaftliches Journal, das Journal of 9/11 studies, für das auch der Schweizer Historiker Daniele Ganser einen Artikel verfasst hat.

Daneben gibt es Berufsverbände, die dasselbe wollen wie die Akademiker: Eine neue Untersuchung. Beispielsweise die extrem aktive Vereinigung Architects and Engineers for 9/11 Truth, die durch den charismatischen Architekten Richard Gage angeführt wird, daneben die Veterans for 9/11 Truth, Pilots for 9/11 Truth, Medical Professionals for 9/11 Truth und so weiter. Die Zahl der aktiven Mitglieder variiert je nach Gruppe von einigen Dutzend bis mehrere Hundert.

Bei den Akademikern fällt vor allem eines auf: Bei den meisten hat die 9/11-Forschung nichts oder nur am Rand mit ihren eigentlichen Fachgebieten zu tun.

Ein Beispiel dafür ist Frank Legge, ein australischer Chemiker, der mit 13 Artikel am häufigsten im Journal of 9/11 studies publiziert hat – unter anderem zum Zusammensturz von WTC 7 oder zur Frage, was ins Pentagon eingeschlagen war. Auf der Website von Scientists for 9/11 Truth schrieb Legge, dass seine frühere Forschungsarbeit vor allem die Landwirtschaft betraf:

My prior work experience includes agriculture, farming, research into the manufacture and use of biodiesel, and development of a patented solar tracking device.

Dieser Umstand zeigt sich auch bei der Vereinigung Scholars for 9/11 Truth. Sie wurde von James Fetzer, einem inzwischen emiritierten Professor für Wissenschaftsphilosophie an der Universität von Minnesota gegründet.

Die Gruppe vertritt den Standpunkt, dass die Regierung die Anschläge nicht nur zugelassen, sondern selbst orchestriert habe, um dadurch bestimmte politische und wirtschaftliche Ziele verfolgen zu können. Die Gruppe behauptet, «ohne jeglichen Zweifel» bewiesen zu haben, dass die Zwillingstürme durch kontrollierte Sprengung zum Einsturz gebracht worden sind und das Pentagon nicht – wie offiziell behauptet wird – von einer Boeing 757 getroffen wurde.

Nenneswerte Artikel von Truther-Akademikern finden sich auch im Sammelband The 9/11 Toronto Report, der eine Zusammenfassung und Ergänzung der Vorträge an der Truther-Konferenz im kanadischen Toronto im Jahr 2011 darstellt.

Nennenswerte Bücher von Akademikern sind die Monographien The 2001 Anthrax Deception: The Case for a Domestic Conspiracy vom Religionswissenschaftler Graeme MacQueen, The New Pearl Harbor Revisited: 9/11, the Cover-Up, and the Expose von David Ray Griffin und 9/11 Synthetic Terror vom Historiker Webster Tarpley.

Auf diese drei Werke werde ich in folgenden Artikeln im Detail eingehen.

Ein Tabuthema?

Die Akademiker, welche alternative Thesen zu 9/11 vertreten, sind seit Jahren dieselben. Sie erhalten kaum Zulauf von Kollegen. Klar, sie erhalten Zuspruch von unzähligen Hobbyforschern und Aktivisten, aber nicht von renommierten Forschern. Womit hat das zu tun?

Die Truther-Akademiker selbst behaupten, 9/11 sei für viele Akademiker ein Tabuthema. Es dürfe hierzu nicht geforscht werden, allenfalls hätte dies Konsequenzen wie eine Entlassung oder öffentliche Ächtung. Diese These war unter anderem Thema des Dokumentarfilms 9-11 in the Academic Community, der in der Galerie angeschaut werden kann.

Doch der Tabuisierungs-These ist schon mehrmals widersprochen worden, unter anderem auch von Noam Chomsky, dem bekannten linken Intellektuellen und mittlerweile emiritierten Professor für Linguistik am Massachusetts Institute for Technology, der auch ein Buch zu 9/11 geschrieben hat.

In einer Fragestunde nach einem Vortrag an der University of Florida im Jahr 2013 sagte er, dass es für einen Wissenschaftler nichts sichereres gäbe, als in einem Artikel gut begründete Zweifel oder Kritik an der offiziellen Darstellung zu äussern. (Hier gehts zum Video)

Unzählige Artikel

9/11 ist auch in meinen Augen kein Tabuthema. Die Artikel-Datenbank JSTOR listet Hunderte von teils sehr kritischen Artikeln zu 9/11 und dessen Auswirkungen auf Politik, Kultur, Religion und so weiter.

Aber ja: Artikel, welche die offizielle These, die Al-Kaida-These hinterfragen, sind sehr selten. Der naheliegende Schluss: Es gibt keine wirklich stichhaltigen Indizien dafür, dass diese Version nicht die korrekte sein könnte.

Ich fand einen einzigen Artikel auf JSTOR, welche sich mit den alternativen Thesen wohlwollend auseinandersetzt: Conspiracy theories on September 11th : A presentation of some open questions, geschrieben von Cornelia Beyer, und erschienen in der Zeitschrift Sicherheit und Frieden (S+F) / Security and Peace.

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Bilder und Videos zum Artikel

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Literaturverzeichnis:

– Summers, Anthony & Swan, Robbyn, 2012, The Eleventh Day: The Full Story of 9/11, New York
– Kay, Jonathan, 2011, Among the Truthers: A Journey Through America’s Growing Conspiracist Underground, New York

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Chris Kummer ist langjähriger Journalist aus der Schweiz. Er schreibt für verschiedene Zeitungen und Magazine über unterschiedliche Themen. Er interessiert sich besonders für wissenschaftliche Kontroversen, Zukunftsforschung und Videospiele. Er folgt dem Credo «nichts glauben, alles hinterfragen» und setzt sich für offene und zugleich kritische Untersuchungen ein.

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