Was 9/11-Truther lesen sollten

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War’s Al-Kaida? Oder doch nicht? Wer einen Hang zu alternativen Erklärungen zu den Attacken vom 11. September 2001 hat, sollte weiterlesen. Im neuen Teil unserer Serie über 9/11-Verschwörungsthesen geben wir einen Überblick über die Forschungsliteratur. Was sind die Argumente der Truther? Was sagen prominente Journalisten dazu? Und ist es wirklich so, dass der Einsturz der Twin Towers noch nie von unabhängigen Experten untersucht worden ist?

Die Terroranschläge von 9/11 waren auf jeden Fall eine Verschwörung, denn laut Definition des Dudens handelt es sich bei einer Verschwörung um eine «gemeinsame Planung eines Unternehmens gegen jemanden oder etwas (besonders gegen die staatliche Ordnung)». Und das war bei 11. September der Fall.

Gemäss dem Untersuchungsbericht und diversen Werken von Akademikern und Journalisten plante eine Gruppe von radikalen Islamisten im Geheimen die Anschläge.

Es spricht inzwischen vieles dafür, dass es Versäumnisse der US-Regierung und der Geheimdienste im Vorfeld von 9/11 gab und Al-Kaida Unterstützung von ausländischen Geheimdiensten (Pakistan und Saudiarabien) hatte.

Doch gab es eine Verschwörung, an der Personen innerhalb des amerikanischen Staatsapparats beteiligt waren? War es in Wahrheit ein SCAD, ein Staatsverbrechen gegen die Demokratie nach DeHaven-Smith, orchestriert von Bush, Cheney oder Geheimdienstlern?

Genau dies behaupten die Exponenten, welche alternative Erklärungen vertreten und welche oft als Verschwörungstheoretiker oder als «9/11-Truther» bezeichnet werden.

Whistleblower?

Die Truther verweisen gerne auf eine Handvoll von angeblichen Whistleblowern. Doch keine dieser Personen hat bislang Belege für einen «Inside Job» präsentiert. Zudem ist auffällig, dass die meisten von ihnen eine Vielzahl von Verschwörunstheorien nebst jenen zu 9/11 propagieren.

Etwa der Chemiker Kevin Ryan. Er untersuchte mit offiziellem Auftrag die Ursache des Zusammensturzes von World Trade Center 7 und kam dabei zum Schluss, dass diverse Untersuchungsergebnisse nicht stimmen konnten. Ryan ist heute Mitherausgeber des Journal of 9/11 studies, das Publikationen von Truthern mit akademischem Hintergrund veröffentlicht. Zudem schreibt er einen Blog, auf dem er diverse Terroranschläge untersucht und die meisten davon als so genannte False-Flag-Attacken bezeichnet, also als Angriffe unter falscher Flagge, durchgeführt von westlichen Geheimdiensten.

Oft genannt wird auch Sibel Edmonds, eine ehemalige Übersetzerin beim FBI. Sie warf ihrer Behörde diverse Versäumnisse im Vorfeld von 9/11 vor. Auch sie wurde in den Strudel von Verschwörungstheorien gezogen. Sie tritt heute regelmässig bei diversen prominenten Konspirologen im Netz als Gast auf. So gibt sie Interviews gegenüber Alex Jones, der teils haarsträubende Thesen aufstellt. Edmonds selbst erachtet auch den Bombenanschlag der Zarnajew-Brüder in Boston im Jahr 2013 und das Massaker auf der Charlie-Hebdo-Redaktion im Jahr 2015 als das Werk von westlichen Geheimdiensten.

Alles gefälscht, sagen die Truther

Die Zahl der angeblichen Whistleblower ist sehr klein im Angesicht der Grösse des Ereignisses. Warum gibt es nicht mehr? Und warum gibt es keine handfesten Belege, etwa offizielle Dokumente oder E-Mails, welche auf eine aktive Mithilfe der US-Regierung schliessen lassen?

Hingegen gibt es zahlreiche Belege, dass tatsächlich Al-Kaida hinter den Anschlägen steckt. Beispielsweise gibt es Ton- und Videomitschnitte, in denen die Drahtzieher selbst zugeben, die Attacken geplant und durchgeführt zu haben.

Zu nennen sind vor allem die Osama-Bin-Laden-Videos, die nach dem 11. September auftauchten.

Das bekannteste wurde im Dezember 2001 veröffentlicht. In diesem längeren Video spricht Bin Laden explizit von den Attacken und der Planung. Bin Laden gab auch mehrere Videointerviews im Vorfeld des 11. Septembers, in denen er konkret mit Anschlägen gegen die USA drohte. Alle Statements von Bin Laden können hier nachgelesen werden.

Erhellend ist auch die auf Al Jazeera ausgestrahlte Dokumentation Top Secret: Road to September 11, in der Khalid Scheich Mohammed die Verantwortung für die Planung der Anschläge übernimmt und erklärt, wie diese durchgeführt wurden.

Natürlich sagen die Truther, diese Videos seien gefälscht. Und genau das ist das grosse Problem: Truther akzeptieren selten Gegenargumente oder Gegenbeweise. Diese können noch so überzeugend sein. Sie interpretieren sie einfach so, dass sie in ihre These hineinpassen.

Dabei stellen sie sich aber selbst eine Falle: Denn je grösser ein Verschwörungskonstrukt ist, also je mehr Personen am Komplott beteiligt sind, desto unwahrscheinlicher ist es, dass die Verschwörung auf Dauer geheim gehalten werden kann.

MIHOP, LIHOP, Surprise

Was die Konspirologen vorweisen können, sind in erster Linie Zeugenaussagen und Verweise auf Anomalien in offiziellen Berichten sowie in Bildern und Videoaufnahmen der Attacken.

Die Truther zeigen auf Lücken in der offiziellen Darstellung, stricken daraus eine Geschichte, aber vernachlässigen dabei die überwältigende Anzahl an Indizien und Belegen, welche für die «offizielle», von den meisten Historikern gestützte Version sprechen.

Die Konspirologen-Gemeinde spricht von drei Hypothesen zum Hergang der Terroranschläge. Diese sind unter den Abkürzungen MIHOP, LIHOP sowie Surprise bekannt.

Surprise besagt: Es war eine Überraschungsattacke, die von Al-Kaida oder einem anderen nicht-amerikanischen Akteur geplant und durchgeführt wurde und welche für die US-Regierung überraschend kam. Surprise ist – zumindest in der Al-Kaida-Variante – die offizielle, gängige These, die von den meisten Historikern vertreten wird.

LIHOP bedeutet Let It Happen On Purpose: Die US-Regierung (oder bestimmte Akteure darin) sah die Terrorattacken kommen, aber verhinderte sie absichtlich nicht, um einen Grund zu erhalten, den «Krieg gegen den Terror» einzuläuten und Länder im nahen Osten zu erobern.

MIHOP meint Made It Happen On Purpose – Die US-Regierung (oder bestimmte Akteure darin) haben die Anschläge selbst geplant und möglicherweise auch ausgeführt.

MIHOP ist mittlerweile die dominierende These innerhalb der Truther-Gemeinde.

Was die Truther behaupten

Die 9/11-Truther stellen eine ganze Reihe von Behauptungen zu 9/11 auf. Die wichtigsten sind folgende:

– Der Einschlag der Flugzeuge und die Brände können die Twin Towers nicht zum Einsturz gebracht haben. Es muss sich um eine kontrollierte Sprengung gehandelt haben.

– Das Pentagon wurde nicht von einem Flugzeug getroffen, da keine eindeutig identifizierbaren, grossen Trümmerteile sichtbar waren und die Überwachungsvideos, welche das Flugzeug eindeutig gezeigt hätten, bis heute nicht freigegeben worden sind.

– Die Fähigkeiten der offiziell identifizierten Terroristen reichten gemäss deren Fluglehrern und anderen Hinweisen nicht aus, um die gezeigten Flugmanöver zu fliegen.

– Das im Dezember 2001 veröffentlichte Video, das unter anderem Bin Laden zeigt, ist eine Fälschung. Es existiert kein echtes oder glaubhaftes Schuldbekenntnis von Bin Laden respektive der Al-Kaida.

– Die US-Flugabwehr versagte am 11. September komplett, was nahelegt, dass dieses Versagen «von innen heraus» bewerkstelligt wurde. Auffällig war zudem, dass an und um dem 11. September diverse Militärübungen stattfanden.

– Es stürzte ein Gebäude neben den Twin Towers ein, obwohl es von keinem Flugzeug getroffen worden war: Das WTC 7. Die Brände und Schäden können nicht für den Einsturz verantwortlich sein.

Auf die einzelnen Behauptungen werde ich in weiteren Artikeln ausführlich eingehen.

Wo sind Chomsky, Greenwald und Assange?

Vorerst stellt sich für den unabhängigen Beobachter die Frage, warum es diese Behauptungen bislang nicht auf den Radar von US-kritischen, investigativen Journalisten und Akademikern geschafft haben.

Warum etwa lehnen Journalisten wie Glenn Greenwald oder der bekannte linke Politanalyst und Forscher Noam Chomsky, die seit längerem die US-Regierung in Artikeln und Büchern kritisieren, die «Inside Job»-Theorien zu 9/11 ab?

Warum gibt es keine Hinweise auf einen «Inside Job» in den Dokumenten der Enthüllungsplattform Wikileaks oder in von Edward Snowden veröffentlichten NSA-Dokumenten?

Weil diese Personen und Organisationen Teil der Verschwörung sind? Oder Angst haben? Oder weil sie die Behauptungen der Truther als haltlos betrachten? Ich tippe auf letzteres.

Vielfach beklagen die Truther auch, dass kaum Quellen zu 9/11 vorhanden sind. In Wahrheit sind viele offizielle Dokumente einsehbar. Das Nationalarchiv der USA veröffentlichte ab 2009 rund 300 000 Seiten im Internet, die unter anderem Interviews mit Zeugen und Flugbegleitern sowie Transkriptionen von Flugschreibern enthalten. Es gibt also genug Material für Forschende, die sich im Detail mit 9/11 auseinandersetzen möchten.

Argumente sind «haltlos»

Die in meinen Augen am besten recherchierten Bücher zu 9/11 stammen von drei US-amerikanischen Journalisten: Lawrence Wrights Der Tod wird euch finden und The Eleventh Day: The Full Story of 9/11 von Anthony Summers und Robbyn Swan.

Besonders letzeres ist für uns interessant, weil dort auf die alternativen Erklärungen und Behauptungen der Truther eingegangen wird.

Die Autoren begegnen den Argumenten offen, aber skeptisch. Sie kommen zum Schluss, dass die meisten haltlos sind.

Inzwischen sind fast alle Verschwörungsthesen Punkt für Punkt auseinandergenommen und widerlegt worden.

Etwa auch von den Redakteuren des US-Technologiemagazins Popular Mechanics. Sie schrieben ein entlarvendes Buch mit dem Titel Debunking 9/11 Myths.

Empfehlenswert ist auch das Skeptic Magazine aus dem Jahr 2006 (Vol. 12, Nr. 4), das von der US- Skeptikervereinigung Skeptics Society herausgegeben wird. Auch dort kommen die Autoren zum Schluss: Die Truther liegen falsch.

Im deutschsprachigen Raum gibts fast nur Konspirologen-Literatur

Im deutschsprachigen Raum gibt es leider kein einziges Werk, dass sich kritisch mit den Thesen der Konspirologen auseinandersetzt.

Es gibt gute Werke zu 9/11, etwa das übersichtliche und sehr nüchtern gehaltene 9/11: Der Tag, die Angst, die Folgen von Bernd Greiner, aber dort wird nur ganz am Rand auf die umstrittenen Thesen eingegangen.

Insgesamt überwiegt aber im deutschsprachigen Raum die Verschwörungsliteratur. Zu nennen sind beispielsweise die Bücher von Gerhard Wisnewski oder jenes von Mathias Bröckers und Christian C. Walther, 11.9. – zehn Jahre danach: Der Einsturz eines Lügengebäudes.

Dutzende wissenschaftliche Artikel

Was wohl am meisten gegen die Behauptungen der Konspirologen spricht, ist der Umstand, dass inzwischen Dutzende wissenschaftliche Artikel von verschiedenen unabhängigen Forschern geschrieben worden sind, welche aufzeigen, wie die Twin Towers einstürzten und dass dafür kein Sprengstoff notwendig war.

Einige sind hier zu finden. Die Liste wurde von Teilnehmern des Skeptikerforums www.internationalskeptics.com zusammengestellt.

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Literaturverzeichnis:

– Dunbar, David & Reagan, Brad, 2011, Debunking 9/11 Myths, New York
– Greiner, Bernd, 2011, 9/11: Der Tag, die Angst, die Folgen, München
– Griffin, David Ray, 2008, The New Pearl Harbor Revisited, Northampton
– Summers, Anthony & Swan, Robbyn, 2012, The Eleventh Day: The Full Story of 9/11, New York

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Chris Kummer ist langjähriger Journalist aus der Schweiz. Er schreibt für verschiedene Zeitungen und Magazine über unterschiedliche Themen. Er interessiert sich besonders für wissenschaftliche Kontroversen, Zukunftsforschung und Videospiele. Er folgt dem Credo «nichts glauben, alles hinterfragen» und setzt sich für offene und zugleich kritische Untersuchungen ein.

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